Warum Selbstfürsorge kein Egoismus ist – wenn pflegende Angehörige selbst kaum noch vorkommen
Warum Fürsorge auf Dauer nur gelingt, wenn auch der Mensch gesehen wird, der jeden Tag trägt
Es gibt einen Satz, den ich von pflegenden Angehörigen in all den Jahren sehr oft gehört habe: „Es geht schon noch.“ Manchmal sitzt mir dabei eine Tochter gegenüber, die seit Wochen nicht mehr richtig schläft, weil die Mutter nachts anruft oder immer unruhiger wird. Manchmal ist es ein Ehemann, der seine Frau seit Jahren begleitet und inzwischen kaum noch sagen kann, wann er das letzte Mal für einen ganzen Nachmittag etwas getan hat, das nichts mit ihrer Erkrankung zu tun hatte. Und manchmal ist es ein Sohn, der berufstätig ist, eine eigene Familie hat, die Angelegenheiten des Vaters organisiert und trotzdem das Gefühl hat, er dürfe sich nicht beklagen, weil schließlich der Vater derjenige ist, der krank ist. Gerade diese Menschen sagen häufig, es gehe schon noch, obwohl man ihnen ansieht, wie viel Kraft sie längst verloren haben. Sie wollen nicht jammern, niemandem zur Last fallen und den geliebten Menschen auf keinen Fall im Stich lassen. Deshalb halten sie durch, oft sehr viel länger, als es ihnen selbst guttut.
Nach 25 Jahren in der häuslichen Seniorenbetreuung weiß ich, wie selten Überforderung mit einem großen Zusammenbruch beginnt. Meist kommt sie in kleinen Schritten. Zuerst übernimmt man einen Einkauf, dann einen Arzttermin, später die Medikamente, den Schriftverkehr, die Bank, den Haushalt und irgendwann auch die Nächte. Anfangs fühlt sich jede einzelne Aufgabe machbar an. Erst viel später merkt man, dass daraus etwas entstanden ist, das keinen Feierabend mehr kennt. Selbst wenn man körperlich nicht beim Angehörigen ist, bleibt ein Teil der Gedanken bei ihm. Hat Mutter genug getrunken? Hat Vater seine Tabletten genommen? Ist jemand da, wenn etwas passiert? Wird er heute wieder versuchen, das Haus zu verlassen? Wird sie mich heute Nacht erneut anrufen? Diese dauernde innere Bereitschaft erschöpft auf eine Weise, die Außenstehende oft kaum sehen, weil die Belastung nicht immer aus körperlich schwerer Pflege besteht. Häufig ist es vielmehr dieses ständige Mitdenken, Mitentscheiden und Bereitsein, das einen Menschen langsam aufreibt.
Viele Angehörige haben sich an diesen Zustand so sehr gewöhnt, dass sie ihn irgendwann für normal halten. Sie kennen jede Veränderung beim Erkrankten, wissen genau, wann welcher Arzttermin ansteht und bemerken sofort, wenn der Appetit schlechter ist, aber die eigenen Signale werden übergangen. Kopfschmerzen, Verspannungen, Schlafprobleme, Herzklopfen oder eine Gereiztheit, die früher nicht da war, werden mit dem Satz abgetan, man habe eben gerade viel um die Ohren. Der eigene Arzttermin wird verschoben, weil für die Mutter etwas organisiert werden muss, und die Einladung von Freunden wird abgesagt, weil man für alle Fälle lieber erreichbar bleibt. Irgendwann ist das Leben so eng um die Pflege herumgebaut, dass man gar nicht mehr merkt, wie wenig Platz man selbst darin noch hat.
Gerade deshalb möchte ich Selbstfürsorge nicht mit den üblichen Ratschlägen beginnen. Natürlich kann ein Spaziergang guttun, ein freier Nachmittag oder ein Treffen mit einer Freundin. Aber wer seit Monaten nachts kaum schläft und tagsüber permanent verantwortlich ist, braucht keinen weiteren Punkt auf einer Aufgabenliste mit der Überschrift „Jetzt kümmern Sie sich bitte auch noch gut um sich selbst“. Was dieser Mensch zuerst braucht, ist Verständnis dafür, was mit ihm geschieht. Er muss wissen, dass seine Erschöpfung nicht bedeutet, dass er zu wenig liebt, zu wenig belastbar ist oder seine Aufgabe nicht gut genug erfüllt. Sie kann schlicht die Folge davon sein, dass ein Mensch über lange Zeit mehr trägt, als ein einzelner Mensch dauerhaft tragen kann.
Wenn aus Tochter, Sohn oder Ehepartner langsam vor allem der Pflegende wird
Eine der größten Veränderungen geschieht häufig nicht im Tagesablauf, sondern in der Beziehung. Eine Tochter bleibt selbstverständlich Tochter, und ein Ehemann bleibt Ehemann, aber die Rollen verschieben sich. Die Tochter entscheidet plötzlich über Dinge, die früher die Mutter selbst entschieden hat. Sie organisiert Arzttermine, überprüft Rechnungen und erinnert ans Essen. Der Ehemann hilft seiner Frau beim Anziehen, achtet auf Medikamente und steht nachts auf, wenn sie unruhig wird. Diese Aufgaben können notwendig sein, doch sie verändern etwas zwischen zwei Menschen. Wo früher Gegenseitigkeit war, entsteht zunehmend Abhängigkeit, und genau das kann emotional sehr weh tun.
Ich habe viele Angehörige erlebt, die nicht nur die Freiheit ihres früheren Lebens vermissen, sondern auch den Menschen, mit dem sie dieses Leben geteilt haben. Eine Frau kann ihren demenzkranken Mann sehr lieben und trotzdem den Mann vermissen, mit dem sie früher beim Abendessen über den Tag gesprochen hat. Eine Tochter kann jeden Tag bei der Mutter sein und gleichzeitig traurig darüber sein, dass die Mutter sie nicht mehr fragt, wie es ihr selbst geht. Diese Gefühle passen scheinbar nicht zusammen, und trotzdem gehören sie beide zur Wahrheit. Man kann jemanden lieben und um das trauern, was in der Beziehung verloren geht. Man kann dankbar sein, dass der Mensch noch da ist, und gleichzeitig schmerzlich spüren, dass vieles nicht mehr so ist wie früher.
Gerade bei Demenz entsteht eine besondere Form von Trauer, weil es keinen klaren Abschied gibt. Der Mensch lebt, sitzt einem gegenüber, spricht vielleicht sogar mit einem, aber manche vertrauten Seiten werden weniger erreichbar. Ein Rat, den man früher bekommen hätte, kommt nicht mehr. Ein gemeinsamer Witz wird nicht mehr verstanden. Entscheidungen, die jahrzehntelang miteinander besprochen wurden, liegen plötzlich bei einem allein. Angehörige haben für diese Verluste kaum Raum, denn während sie innerlich trauern, müssen sie gleichzeitig funktionieren. Nach einer schwierigen Nacht wartet morgens trotzdem das Frühstück. Nach einer verletzenden Äußerung muss vielleicht wenige Minuten später bei der Körperpflege geholfen werden. Es gibt keinen geschützten Moment, in dem man sich zurückziehen und erst einmal verarbeiten kann, was gerade geschehen ist.
Aus dieser Mischung können Gefühle entstehen, über die kaum jemand gern spricht. Man liebt einen Menschen und ist trotzdem wütend auf die Situation. Man fühlt Mitgefühl und möchte gleichzeitig für ein paar Stunden einfach weg. Man kümmert sich und denkt irgendwann: „Ich kann nicht mehr.“ Viele Angehörige erschrecken über solche Gedanken und machen sich zusätzlich Vorwürfe. Dabei ist es wichtig, zwischen einem Gefühl und einer Handlung zu unterscheiden. Wut macht niemanden lieblos, und der Wunsch nach Abstand bedeutet nicht, dass einem der Erkrankte gleichgültig geworden ist. Manchmal ist der Wunsch, dass „das alles einmal aufhört“, in Wahrheit die verzweifelte Sehnsucht danach, dass die eigene Überforderung endet.
Ich halte es deshalb für problematisch, pflegenden Angehörigen immer nur zu sagen, sie müssten geduldiger sein. Natürlich braucht ein Mensch mit Demenz Geduld, aber Geduld ist keine unerschöpfliche Charaktereigenschaft. Sie hängt auch davon ab, ob jemand geschlafen hat, ob er selbst Schmerzen hat, ob er seit Monaten jeden Tag dieselben Belastungen trägt und ob es zwischendurch Zeiten gibt, in denen jemand anderes Verantwortung übernimmt. Wenn ein sonst liebevoller Mensch zunehmend schärfer reagiert, muss man nicht nur fragen, wie er sich besser beherrschen kann. Man sollte ebenso fragen, was geschehen muss, damit er überhaupt wieder Kraft für Geduld bekommt.
Warum gerade die Starken sich häufig besonders lange überfordern
Es sind auffallend oft die zuverlässigen Menschen, die zu spät um Hilfe bitten. Menschen, die ihr Leben lang organisiert, Verantwortung übernommen und Schwierigkeiten gelöst haben, übertragen diese Haltung auf die Pflege. Wenn etwas schwieriger wird, denken sie nicht sofort daran, Hilfe einzubeziehen, sondern überlegen, was sie selbst noch anders machen könnten. Sie lesen mehr, planen genauer und versuchen, möglichst jedes Risiko vorherzusehen. Das kann lange funktionieren, aber eine fortschreitende Erkrankung wie Demenz lässt sich nicht durch immer perfektere Organisation beherrschen.
Eine Tochter kann noch so gut vorbereitet sein und trotzdem erleben, dass ihre Mutter heute etwas ablehnt, was gestern problemlos möglich war. Ein Ehemann kann einen perfekten Tagesablauf schaffen und trotzdem eine Nacht haben, in der seine Frau überhaupt nicht zur Ruhe kommt. Wer gewohnt ist, Probleme durch Einsatz zu lösen, reagiert darauf häufig mit noch mehr Einsatz und gerät damit in einen Kreislauf, in dem die eigene Anstrengung immer größer wird, während die Erkrankung trotzdem ihren Verlauf nimmt.
Dazu kommt, dass Kontrolle zunächst Sicherheit vermittelt. Wenn ein Angehöriger das Gefühl hat, dass ohne ihn alles schiefgehen könnte, überprüft er verständlicherweise immer mehr. Er möchte wissen, ob genug getrunken wurde, ob das Medikament genommen wurde und ob die Betreuungsperson alles richtig macht. Diese Kontrolle entsteht selten aus Misstrauen allein. Häufig ist sie ein Versuch, in einer unberechenbar gewordenen Situation wenigstens einen Teil der Sicherheit zurückzugewinnen. Deshalb kann es so schwer sein, Verantwortung abzugeben. Wer jahrelang alles allein getragen hat, kann nicht einfach beschließen, ab morgen entspannt zu sein, nur weil jemand anderes für drei Stunden übernimmt.
Genau das wird bei Entlastungsangeboten oft übersehen. Körperlich ist die Hilfe vielleicht da, aber innerlich bleibt der Angehörige weiter im Dienst. Er hört aus dem Nebenzimmer auf jedes Geräusch, kontrolliert das Handy oder nutzt seine „freie“ Zeit, um Medikamente abzuholen und Formulare auszufüllen. Auf dem Papier hatte er eine Pause, tatsächlich hat die Verantwortung nur ihre Form verändert.
Echte Entlastung beginnt deshalb erst dort, wo Verantwortung tatsächlich geteilt wird. Das braucht Vertrauen und häufig auch Zeit. Wenn eine Familie eine verlässliche Betreuung gefunden hat, darf sie allmählich erleben, dass Dinge auch gut sein können, wenn sie nicht exakt so gemacht werden wie bisher. Vielleicht steht die Tasse an einem anderen Platz oder das Frühstück findet etwas später statt. Entscheidend ist nicht, dass alles genauso geschieht wie unter eigener Regie, sondern dass der Mensch sicher, respektvoll und aufmerksam begleitet wird.
Gerade bei einer 24 Stunden Betreuung zu Hause kann diese Form der Entlastung einen sehr großen Unterschied machen. Nicht, weil Angehörige dann „nichts mehr tun müssen“, sondern weil sie nicht mehr jede Minute allein verantwortlich sind. Die Tochter kann wieder Tochter sein, der Ehemann wieder Ehemann und der Sohn wieder Sohn. Natürlich bleiben sie Angehörige, die sich interessieren und Entscheidungen mittragen, aber sie müssen nicht mehr gleichzeitig jede praktische Aufgabe auffangen. Diese Veränderung kann einer Beziehung etwas zurückgeben, das unter der Pflege manchmal fast verschwunden ist: Begegnungen, in denen es nicht ausschließlich um Medikamente, Essen, Körperpflege oder Organisation geht.
Ich habe immer wieder erlebt, wie sehr sich die Atmosphäre verändern kann, wenn ein Angehöriger nach langer Zeit zum ersten Mal wieder das Gefühl hat, nicht für alles zuständig zu sein. Plötzlich wird beim gemeinsamen Kaffee nicht mehr ständig auf die Uhr gesehen, weil gleich die nächste Aufgabe wartet. Eine Tochter kann der Mutter einfach die Hand halten, ohne gleichzeitig im Kopf die Einkaufsliste durchzugehen. Ein Ehepartner kann neben seiner Frau sitzen und für einen Augenblick nur der Mensch sein, der Jahrzehnte mit ihr geteilt hat. Das sind keine kleinen Dinge. Gerade diese Momente können für eine Familie sehr viel bedeuten.
Selbstfürsorge beginnt mit Ehrlichkeit und nicht mit einem perfekten Plan
Wenn ich mit pflegenden Angehörigen spreche, finde ich eine Frage oft hilfreicher als jede Empfehlung: „Wenn die nächsten sechs Monate genauso werden wie die letzten drei, schaffen Sie das?“ Diese Frage ist unangenehm, aber sie umgeht das automatische „Es geht schon noch“. Sie zwingt niemanden zu einer bestimmten Entscheidung, öffnet aber einen ehrlichen Blick darauf, wie tragfähig die aktuelle Situation wirklich ist.
Auch andere Fragen können helfen. Wie schlafen Sie wirklich? Nicht „meistens ganz gut“, sondern wie viele Stunden am Stück? Haben Sie in den vergangenen Wochen einen eigenen Arzttermin verschoben? Treffen Sie noch Menschen, mit denen Sie über etwas anderes als Pflege sprechen können? Gibt es in Ihrer Woche noch eine Zeit, auf die Sie sich freuen, oder besteht inzwischen fast jeder Tag aus Verpflichtungen? Und wenn Sie einmal zwei Stunden frei haben, fühlen Sie sich dann wirklich frei oder sind Sie gedanklich trotzdem ständig beim Erkrankten?
Aus solchen Antworten ergibt sich oft sehr viel klarer, wo eine Veränderung nötig ist. Vielleicht geht es zunächst darum, eine feste Zeit in der Woche wirklich abzugeben. Nicht „wenn es passt“, sondern verbindlich. Vielleicht muss ein Geschwisterkind eine konkrete Aufgabe übernehmen. Vielleicht braucht ein Ehepartner Unterstützung in der Nacht, weil Schlaf inzwischen das größte Problem ist. Manchmal ist der eigene Hausarzt der richtige erste Ansprechpartner, weil körperliche Symptome oder anhaltende Erschöpfung abgeklärt werden sollten. Und manchmal braucht es psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung, weil die Belastung längst nicht mehr nur organisatorisch ist.
Auch alte Familienmuster können eine Rolle spielen. Pflege findet nie losgelöst von der Geschichte einer Familie statt. Eine Tochter, die ihr ganzes Leben gelernt hat, dass sie besonders zuverlässig sein muss, wird in der Pflege anders reagieren als jemand, dem Abgrenzung leichtfällt. Vielleicht hat sie als Kind erlebt, dass die Bedürfnisse der Mutter immer Vorrang hatten. Vielleicht war der Satz „Für die Familie ist man da“ ein ungeschriebenes Gesetz. Dann fühlt sich eine Grenze nicht einfach wie eine praktische Entscheidung an, sondern beinahe wie moralisches Versagen.
Genau deshalb kann die Frage „Warum glaube ich eigentlich, alles allein tun zu müssen?“ sehr viel tiefer führen als die Frage nach dem nächsten Pflegedienst oder dem nächsten freien Nachmittag. Manchmal liegen hinter der Überforderung nicht nur zu viele Aufgaben, sondern ein altes inneres Pflichtgefühl, das jede Form von Hilfe als Schwäche deutet. Solche Muster sind kein persönlicher Fehler. Aber sie können verhindern, dass ein Mensch rechtzeitig erkennt, wie sehr er sich selbst verliert.
Pflegende Angehörige dürfen deshalb auch ihre Gefühle ernster nehmen, ohne sie sofort zu beurteilen. Wenn Sie wütend sind, fragen Sie nicht als Erstes, ob Sie ein schlechter Mensch sind, sondern was Sie gerade so belastet. Wenn Sie auf eine wiederholte Frage schärfer reagieren als früher, überlegen Sie, wann Sie zuletzt wirklich ausgeruht waren. Wenn Sie sich nach einem Tag allein sehnen, müssen Sie daraus keinen Beweis dafür machen, dass Ihre Liebe nachgelassen hat. Vielleicht brauchen Sie schlicht Abstand, damit wieder Nähe möglich wird.
Gerade dieses Verständnis finde ich wichtig, weil Schuldgefühle zusätzlich Kraft kosten. Wer erschöpft ist, braucht nicht noch die innere Anklage, eigentlich geduldiger, liebevoller oder belastbarer sein zu müssen. Er braucht eine realistische Einschätzung seiner Situation und eine Form von Hilfe, die wirklich zu seinem Alltag passt.
Das eigene Leben darf nicht vollständig verschwinden
Ein Punkt berührt mich besonders: Wenn Angehörige irgendwann gar nicht mehr wissen, was sie selbst gern tun. Vor der Pflege gab es vielleicht Freundschaften, Reisen, Sport, Gartenarbeit, Musik oder einfach einen Sonntag, an dem niemand etwas von einem wollte. Mit der Zeit verschwinden diese Dinge eines nach dem anderen. Erst wird der Sportkurs abgesagt, weil er zeitlich ungünstig liegt, dann wird ein Urlaub unmöglich, später werden Einladungen immer häufiger abgelehnt. Irgendwann ruft auch niemand mehr an, weil ohnehin immer abgesagt wurde. Der Angehörige ist dann nicht nur erschöpft, sondern zunehmend isoliert.
Diese Entwicklung ist gefährlich, weil die Pflege dadurch zum einzigen Mittelpunkt des eigenen Lebens wird. Wenn dann jemand sagt, man solle für drei Stunden etwas für sich tun, weiß der Betroffene manchmal gar nicht mehr, was das sein könnte. Das ist keine Kleinigkeit. Es zeigt, wie stark die eigene Identität bereits mit der Rolle des Pflegenden verschmolzen ist.
Deshalb halte ich es für wichtig, eigene Lebensbereiche nicht erst zurückzuholen, wenn die Pflege irgendwann endet. Sie gehören schon jetzt in das Leben. Vielleicht nur in kleinerer Form, vielleicht weniger regelmäßig als früher, aber sie sollten nicht vollständig verschwinden. Ein Mensch braucht Beziehungen, in denen er nicht ständig Pflegeperson ist. Er braucht Gespräche, die sich nicht um Demenz drehen, und Zeiten, in denen das Telefon einmal nicht im Mittelpunkt steht.
Wer lange in Verantwortung gelebt hat, wird solche Zeiten vielleicht anfangs gar nicht genießen können. Das ist normal. Der Kopf braucht Zeit, um zu lernen, dass nicht jede Minute überwacht werden muss. Vielleicht sitzt man beim ersten freien Nachmittag nur zu Hause und ist innerlich trotzdem unruhig. Dann war die Pause nicht nutzlos. Sie war ein Anfang.
Auch Freundschaften dürfen unkomplizierter werden. Es muss nicht immer ein ganzer freier Abend sein. Vielleicht ist ein Spaziergang möglich oder eine Tasse Kaffee. Wer Freunden offen sagt, dass Termine manchmal kurzfristig geändert werden müssen, erhält eher Verbindung, als wenn er sich aus Scham immer weiter zurückzieht. Gerade pflegende Angehörige brauchen Menschen, bei denen sie nicht stark sein müssen und nicht nach zehn Minuten gefragt werden, wie es denn dem Erkrankten geht, sondern bei denen einmal die Frage gilt: „Und wie geht es eigentlich dir?“
Diese Frage hört ein pflegender Angehöriger viel zu selten.
Hilfe anzunehmen schützt nicht nur den Angehörigen, sondern häufig auch die Beziehung
Viele Menschen warten mit Unterstützung, bis wirklich gar nichts mehr geht. Sie möchten beweisen, dass sie es schaffen, oder hoffen, dass es vielleicht doch noch irgendwie weitergeht. Ich würde Angehörigen wünschen, dass sie sich früher erlauben, eine Grenze zu erkennen. Nicht erst, wenn sie selbst krank werden, nicht erst nach einer Nacht, in der sie weinend im Badezimmer sitzen, und nicht erst dann, wenn sie den Erkrankten fast nur noch als Belastung erleben.
Es gibt keinen Preis dafür, besonders lange allein durchgehalten zu haben. Liebe lässt sich nicht daran messen, wie viel ein Mensch erträgt. Eine Tochter liebt ihre Mutter nicht stärker, weil sie selbst zusammenbricht. Ein Ehemann beweist seine Treue nicht dadurch, dass er über Monate kaum schläft. Und ein Sohn lässt seinen Vater nicht im Stich, wenn er sagt, dass er die Verantwortung nicht mehr allein tragen kann.
Manchmal ist gerade dieser Satz ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein, weil er verhindert, dass eine schwierige Situation irgendwann für beide untragbar wird.
Wenn Hilfe angenommen wird, entsteht nicht automatisch Distanz. Häufig geschieht das Gegenteil. Die Beziehung bekommt wieder Raum. Die Tochter kann wieder kommen, weil sie ihre Mutter sehen möchte, und nicht nur, weil etwas erledigt werden muss. Der Partner kann eine Berührung wieder als Zärtlichkeit erleben und nicht als Teil der Körperpflege. Ein Sohn kann sich mit seinem Vater an den Tisch setzen, ohne gleichzeitig im Kopf die nächste Rechnung zu prüfen.
Für mich ist genau das einer der tiefsten Gründe, warum Selbstfürsorge nichts mit Egoismus zu tun hat. Sie dient nicht nur dazu, den pflegenden Angehörigen irgendwie funktionsfähig zu halten. Sie schützt die Möglichkeit, dass Beziehung überhaupt noch als Beziehung erlebt werden kann.
Wenn ich einem pflegenden Angehörigen bei mir am Küchentisch gegenübersäße und merken würde, wie müde er geworden ist, würde ich deshalb wahrscheinlich nicht mit einer Liste von Entlastungsangeboten beginnen. Ich würde zunächst fragen, wann zuletzt jemand nach ihm gefragt hat, ohne sofort wieder über den Erkrankten zu sprechen. Ich würde wissen wollen, ob er noch schläft, ob er noch Freunde sieht, ob er selbst medizinisch gut versorgt ist und ob es in seinem Leben noch irgendeinen Bereich gibt, in dem er nicht derjenige sein muss, der alles zusammenhält. Und wenn dieser Mensch mir sagt, dass es seit Monaten keinen solchen Bereich mehr gibt, würde ich das sehr ernst nehmen.
Denn ein pflegender Angehöriger bleibt ein Mensch mit eigenen Bedürfnissen, eigenen Grenzen und einem eigenen Leben. Er darf müde sein, ohne sich schuldig zu fühlen. Er darf wütend sein, ohne deshalb lieblos zu sein. Er darf Hilfe brauchen, obwohl er bisher sehr viel allein geschafft hat, und er darf auch gute Stunden haben, obwohl der Mensch, den er liebt, krank ist. Nichts davon steht im Widerspruch zur Fürsorge.
Vielleicht ist das die wichtigste Form von Selbstfürsorge, die ich Angehörigen nach all den Jahren ans Herz legen möchte: die innere Erlaubnis, sich selbst wieder als jemanden zu betrachten, um den man sich ebenso kümmern muss. Nicht statt des erkrankten Menschen, sondern neben ihm. Nicht, um sich aus Verantwortung zu stehlen, sondern damit Verantwortung tragbar bleibt. Und nicht, weil die eigene Kraft wichtiger wäre als die des anderen, sondern weil zwei Menschen in dieser Situation leben und beide Schutz, Respekt und Aufmerksamkeit verdienen.
Wenn Angehörige das verstehen, verändert sich oft etwas sehr Grundsätzliches. Sie müssen sich nicht mehr beweisen, wie lange sie durchhalten können, sondern dürfen darüber nachdenken, wie ein gemeinsames Leben auch unter schwierigen Bedingungen menschlich bleiben kann. Vielleicht wird dadurch nicht jede Nacht besser und nicht jeder Tag leichter. Aber es entsteht die Möglichkeit, dass Pflege nicht alles verschlingt, was vorher Beziehung, Persönlichkeit und eigenes Leben war.
Und wenn ein Angehöriger irgendwann sagen kann: „Ich kümmere mich um meine Mutter, meinen Vater oder meinen Partner, aber ich habe dabei nicht aufgehört, auch auf mich selbst zu achten“, dann empfinde ich das nicht als Egoismus. Ich empfinde es als eine sehr reife Form von Liebe und Verantwortung.
Ihre Elke Hanak
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Wichtiger medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und Orientierung und ersetzt keine ärztliche, psychologische oder psychotherapeutische Untersuchung, Beratung oder Behandlung. Anhaltende Erschöpfung, ausgeprägte Schlafstörungen, länger andauernde Niedergeschlagenheit, starke Ängste, körperliche Beschwerden, häufige Gereiztheit, Konzentrationsprobleme oder das Gefühl, den Pflegealltag nicht mehr bewältigen zu können, sollten ernst genommen und ärztlich beziehungsweise fachlich abgeklärt werden. Insbesondere wenn sich der eigene psychische oder körperliche Zustand deutlich verschlechtert, sollte frühzeitig professionelle Unterstützung in Anspruch genommen werden. In akuten seelischen Krisen oder bei Gedanken, sich selbst oder anderen etwas anzutun, ist unverzüglich professionelle beziehungsweise notfallmedizinische Hilfe erforderlich.