„Ich will nach Hause“ – wenn Menschen mit Demenz immer wieder gehen möchten
Warum dieser Satz Angehörige so tief treffen kann, was „Zuhause“ bei Demenz bedeuten kann und wie Sie Sicherheit geben, ohne den Menschen ständig zu korrigieren
„Ich will nach Hause.“ Kaum ein Satz begegnet Angehörigen eines Menschen mit Demenz so häufig und kann gleichzeitig so sehr verletzen. Besonders schwer ist er auszuhalten, wenn die Mutter dabei in ihrem eigenen Wohnzimmer sitzt, vielleicht in dem Haus, in dem sie seit vierzig Jahren lebt, zwischen ihren Möbeln, ihren Bildern und all den Dingen, die über Jahrzehnte zu ihrem Leben gehört haben. Der erste Impuls ist vollkommen verständlich: Man möchte erklären, dass sie doch längst zu Hause ist. Man zeigt auf den vertrauten Schrank, auf den Garten vor dem Fenster, auf die Familienfotos an der Wand und sagt vielleicht zum dritten oder fünften Mal: „Mama, du bist doch zu Hause. Das hier ist dein Haus.“ Und trotzdem kommt wenig später wieder dieselbe Frage, manchmal bittend, manchmal verzweifelt und manchmal bereits ärgerlich: „Ich möchte jetzt nach Hause.“
Nach 25 Jahren in der häuslichen Seniorenbetreuung weiß ich, wie ratlos dieser Satz Familien machen kann. Er klingt nämlich nicht nur nach Orientierungslosigkeit. Für einen Ehepartner kann er sich beinahe wie eine Zurückweisung des gemeinsamen Lebens anfühlen. Eine Tochter, die alles dafür tut, dass ihre Mutter weiterhin in ihrer vertrauten Umgebung leben kann, fragt sich vielleicht irgendwann, was sie noch tun soll, wenn ausgerechnet dieses Zuhause offenbar nicht mehr als Zuhause empfunden wird. Manche Angehörige fühlen sich sogar schuldig und überlegen, ob dem Erkrankten etwas fehlt, ob er unglücklich ist oder ob sie in der Betreuung etwas falsch machen. Genau deshalb möchte ich diesen Satz sehr viel genauer betrachten, denn in den meisten Fällen ist er kein Urteil über die Familie, kein Vorwurf und auch nicht unbedingt der konkrete Wunsch, an eine bestimmte Adresse gebracht zu werden.
Bei einer Demenz kann sich die innere Orientierung eines Menschen so verändern, dass Zeit, Ort, Erinnerung und gegenwärtiges Erleben nicht mehr zuverlässig miteinander verbunden werden. Wir wissen normalerweise ganz selbstverständlich, in welchem Jahr wir leben, wie alt wir sind, wo unser Zuhause ist und welche Menschen zu unserem heutigen Leben gehören. Diese Informationen greifen ununterbrochen ineinander und geben uns Sicherheit, ohne dass wir darüber nachdenken müssen. Ein Mensch mit Demenz kann dagegen zeitweise in einer viel früheren Lebensphase innerlich verankert sein. Eine achtzigjährige Frau kann sich emotional in einer Zeit erleben, in der sie noch eine junge Mutter war, während ihr tatsächliches Wohnzimmer für sie nicht zu diesem inneren Lebensabschnitt passt. Ein Mann kann überzeugt sein, er müsse zur Arbeit, weil diese jahrzehntelange Rolle in seinem inneren Erleben noch präsent ist. Wenn dann jemand sagt: „Du bist doch seit zwanzig Jahren in Rente“, wird damit zwar eine sachlich richtige Information gegeben, aber diese Information muss nicht zu der Wirklichkeit passen, die der Betroffene gerade erlebt.
Ähnlich kann es mit dem Begriff „Zuhause“ sein. Zuhause ist für uns nicht nur eine Adresse. Es ist ein Gefühl von Vertrautheit, Sicherheit, Orientierung und Zugehörigkeit. Es ist der Ort, an dem wir nicht überlegen müssen, wo etwas steht, wer zu uns gehört oder was von uns erwartet wird. Wenn ein Mensch durch eine Demenz genau diese innere Sicherheit verliert, kann er sich in seinem tatsächlichen Zuhause fremd fühlen. Die Möbel sind dieselben, aber ihre Bedeutung wird nicht mehr zuverlässig erkannt. Ein Raum ist bekannt und gleichzeitig merkwürdig unvertraut. Die eigene Tochter steht vor ihm, wird aber möglicherweise nicht in der heutigen Rolle eingeordnet. In diesem Zustand kann „Ich will nach Hause“ etwas ganz anderes bedeuten als „Bring mich an eine andere Adresse“. Es kann heißen: „Ich möchte wieder an einen Ort, an dem ich mich auskenne.“ Es kann bedeuten: „Ich habe Angst.“ Oder: „Hier fühlt sich gerade alles falsch an, und ich weiß nicht, warum.“
Allein dieses Verständnis kann Angehörige entlasten. Wenn die Mutter nach Hause möchte, obwohl sie bereits zu Hause ist, bedeutet das nicht automatisch, dass dieses Zuhause schlecht ist oder dass sie weg von ihrer Familie möchte. Manchmal sucht sie weniger einen Ort als ein verloren gegangenes Gefühl.
Gerade deshalb helfen logische Erklärungen häufig nur begrenzt. Natürlich ist es völlig normal, zunächst zu sagen: „Aber Mama, du bist doch zu Hause.“ Manchmal genügt diese Orientierung sogar, und der Mensch beruhigt sich. Wenn aber deutlich wird, dass die Erklärung nicht aufgenommen werden kann oder immer wieder zu derselben Auseinandersetzung führt, lohnt es sich, einen anderen Weg zu versuchen. Denn wenn wir einen Menschen immer wieder mit etwas konfrontieren, das er in diesem Moment nicht nachvollziehen kann, kann daraus zusätzliche Unsicherheit entstehen. Er sieht vielleicht an unserem Gesicht, dass wir seine Aussage merkwürdig finden, versteht aber nicht, weshalb. Wird unsere Stimme nach der zehnten Wiederholung gereizter, spürt er diese Gereiztheit möglicherweise sehr genau, ohne den Grund dafür einordnen zu können.
Ich habe deshalb über die Jahre gelernt, bei diesem Satz weniger schnell zu antworten und zunächst etwas genauer hinzuhören. Wie wird „Ich will nach Hause“ gesagt? Ängstlich, suchend, bestimmt, traurig oder ärgerlich? Wann tritt dieser Wunsch auf? Jeden Nachmittag gegen dieselbe Uhrzeit, immer nach Besuch, während der Körperpflege, beim Einbruch der Dunkelheit oder wenn der Mensch müde wird? Möchte er wirklich zur Haustür hinaus oder sagt er den Satz nur und bleibt anschließend sitzen? Solche Unterschiede sind wichtig, weil hinter demselben Satz sehr unterschiedliche Bedürfnisse stehen können.
Wenn eine Frau beispielsweise immer gegen fünf Uhr nachmittags unruhig wird und sagt, sie müsse nach Hause, lohnt sich ein Blick auf ihre Lebensgeschichte. Vielleicht war fünf Uhr jahrzehntelang die Zeit, zu der die Kinder nach Hause kamen und das Abendessen vorbereitet werden musste. Vielleicht beginnt mit zunehmender Müdigkeit am späten Nachmittag außerdem ihre Orientierung nachzulassen. Wenn wir nur darauf reagieren, dass die Aussage objektiv falsch ist, sehen wir möglicherweise den Zusammenhang nicht. Wenn wir dagegen ihre Biografie kennen, verstehen wir vielleicht, warum ausgerechnet zu dieser Zeit etwas in ihr sagt: „Ich muss jetzt los.“
Solche biografischen Zusammenhänge sind in der Demenzbetreuung sehr wertvoll, ohne dass man aus jeder Äußerung eine psychologische Theorie machen sollte. Nicht jedes „Ich will nach Hause“ hat eine tief verborgene Bedeutung. Manchmal ist ein Mensch schlicht desorientiert. Trotzdem hilft die Kenntnis seiner Lebensgeschichte oft dabei, angemessener zu reagieren. Wer weiß, dass eine Frau ihr ganzes Leben einen Haushalt organisiert hat, versteht ihr Bedürfnis, „noch etwas erledigen“ zu müssen, vielleicht anders. Wer weiß, dass ein Mann bis ins hohe Alter jeden Morgen zur gleichen Zeit zur Arbeit gefahren ist, erkennt möglicherweise, warum er plötzlich Jacke und Schuhe sucht.
Hier kommt eine Haltung ins Spiel, die in der Begleitung von Menschen mit Demenz häufig unter dem Begriff Validation beschrieben wird. Für mich bedeutet Validation vor allem, nicht ständig um die richtige Wirklichkeit zu kämpfen, sondern das Gefühl eines Menschen ernst zu nehmen. Wenn jemand sagt: „Ich muss nach Hause“, muss ich nicht so tun, als wüsste ich genau, welches Zuhause er meint. Ich kann aber antworten: „Du möchtest jetzt wirklich gern nach Hause. Was fehlt dir denn gerade?“ Oder ich frage: „Wie war dein Zuhause früher?“ Manchmal beginnt der Mensch dann von seiner Mutter, einem Garten, Geschwistern oder einer Küche aus der Kindheit zu erzählen. Plötzlich wird aus einer angespannten Situation ein Gespräch, und man versteht etwas besser, wonach dieser Mensch eigentlich sucht.
Bei anderen Menschen hilft eine solche Frage überhaupt nicht. Auch das gehört zur Realität. Validation ist keine Zauberformel, und es gibt keinen perfekten Satz, der bei jedem Menschen mit Demenz funktioniert. Gerade deshalb würde ich Angehörigen niemals eine Sammlung auswendig zu lernender Antworten geben. Viel wichtiger ist, die Haltung dahinter zu verstehen. Ich muss nicht beweisen, dass ich recht habe. Ich versuche zunächst zu erkennen, was der andere gerade empfindet.
Wenn ein Mensch offensichtlich Angst hat, kann eine Antwort wie „Ich bleibe bei dir, wir schauen gemeinsam“ mehr bewirken als eine lange Erklärung. Wenn er ärgerlich zur Haustür geht und sagt, dass er sofort weg müsse, kann es manchmal helfen, diesen Bewegungsimpuls zunächst nicht frontal zu stoppen, sondern ihn für einen Augenblick zu begleiten. Vielleicht geht man gemeinsam ein paar Schritte in den Garten oder die Straße entlang, sofern die Situation und die Sicherheit dies zulassen, und kehrt anschließend über einen vertrauten Anlass zurück. Ein Satz wie „Komm, bevor wir losgehen, trinken wir noch etwas“ kann ebenfalls Zeit schaffen, ohne sofort in einen Machtkampf zu geraten.
Das funktioniert jedoch nur dann, wenn der Mensch tatsächlich sicher begleitet werden kann. Wenn ein demenzkranker Angehöriger dazu neigt, allein das Haus zu verlassen, sich zu verirren oder Gefahren im Straßenverkehr nicht mehr richtig einzuschätzen, darf das Thema nicht romantisiert werden. Ein ausgeprägter Weggehdrang kann erhebliche Risiken mit sich bringen und verlangt eine sorgfältige individuelle Lösung. Dabei sollte so wenig Freiheit wie möglich genommen und gleichzeitig so viel Sicherheit wie nötig geschaffen werden. Die konkrete Situation, der Grad der Orientierung und die Mobilität des Menschen spielen dabei eine große Rolle. Was bei einem Senior noch ein sicher begleiteter Spaziergang sein kann, ist bei einem anderen bereits eine Situation, in der er nicht mehr allein nach draußen gehen sollte.
Gerade Angehörige befinden sich hier in einem schwierigen Spannungsfeld. Einerseits möchten sie schützen, andererseits möchten sie den Menschen nicht einschließen oder ständig kontrollieren. Diese Spannung lässt sich nicht mit einem einzigen Grundsatz lösen. Ich würde immer überlegen, wie Bewegung sicher möglich bleibt. Ist der Mensch gern unterwegs, kann ein regelmäßiger Spaziergang viel Unruhe auffangen. Vielleicht braucht er nicht weniger Bewegung, sondern zu bestimmten Zeiten bewusst mehr davon. Wer den ganzen Tag immer wieder zur Tür geht, signalisiert möglicherweise auch ein Bedürfnis nach Aktivität, frischer Luft oder Veränderung. Wenn dieses Bedürfnis konsequent unterbunden wird, kann sich die innere Spannung noch verstärken.
Natürlich muss die Umgebung gleichzeitig auf Gefahren überprüft werden. Kann der Mensch Haustür und Treppen sicher nutzen? Gibt es Straßenverkehr unmittelbar vor dem Haus? Ist das Schuhwerk geeignet? Besteht eine hohe Sturzgefahr? Gibt es eine vertraute Strecke, die gemeinsam gegangen werden kann? Je nach Situation können technische Hilfen zur Sicherheit beitragen, wobei Privatsphäre und Selbstbestimmung immer mitbedacht werden sollten. Technische Überwachung darf nicht zum bequemen Ersatz für Betreuung werden. Die sinnvollste Lösung ist immer diejenige, die zum konkreten Menschen und seinem tatsächlichen Risiko passt.
Sehr hilfreich kann ein kleines Beobachtungsprotokoll sein, wenn das Weggehen oder der Satz „Ich will nach Hause“ häufig auftritt. Angehörige müssen daraus keine Wissenschaft machen. Es reicht oft, einige Tage lang aufzuschreiben, zu welcher Uhrzeit die Unruhe beginnt, was vorher passiert ist, wie die Nacht war, ob gegessen und ausreichend getrunken wurde, ob Schmerzen erkennbar sind und welche Situation den Wunsch möglicherweise ausgelöst hat. Manchmal wird dadurch deutlich, dass der Mensch immer dann „nach Hause“ möchte, wenn Besuch gegangen ist, wenn es draußen dunkel wird oder wenn eine Betreuungsperson einen bestimmten Raum verlässt. Vielleicht zeigt sich auch, dass Unruhe an Tagen mit vielen Terminen deutlich stärker ist.
Gerade gegen Nachmittag oder Abend erleben viele Familien eine Zunahme von Unruhe und Orientierungsschwierigkeiten. Bei manchen Menschen wird dafür der Begriff „Sundowning“ verwendet. Unabhängig von der Bezeichnung kann es helfen, den Tagesrhythmus genauer anzuschauen. Wenn ein Mensch abends regelmäßig überfordert ist, muss nicht ausgerechnet dann noch ein langer Besuch, eine aufwendige Körperpflege oder eine andere anstrengende Situation stattfinden. Tageslicht, angemessene Bewegung, ein vertrauter Rhythmus und eine ruhiger werdende Umgebung können hilfreich sein. Gleichzeitig sollte bei neu auftretender oder sehr ausgeprägter Unruhe immer geprüft werden, ob körperliche Ursachen beteiligt sind.
Das ist mir bei diesem Thema besonders wichtig. „Ich will nach Hause“ kann eine typische Äußerung im Rahmen einer Demenz sein, aber plötzlich zunehmender Weggehdrang, starke Unruhe oder eine deutliche Veränderung des Verhaltens dürfen nicht automatisch der Demenz zugeschrieben werden. Ein Mensch kann Schmerzen haben, an einem Infekt leiden, zu wenig getrunken haben, unter Verstopfung oder Harndrang leiden oder auf ein Medikament reagieren. Auch Hör- und Sehprobleme können Orientierung zusätzlich erschweren. Wenn der vertraute Raum schlechter gesehen wird oder Gespräche nur bruchstückhaft verstanden werden, kann das Gefühl von Fremdheit zunehmen.
Besonders ernst sollte eine plötzlich innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen entstandene starke Verwirrtheit genommen werden. Ein akuter Verwirrtheitszustand, medizinisch als Delir bezeichnet, kann bei älteren Menschen unter anderem im Zusammenhang mit Infektionen, Flüssigkeitsmangel, Medikamenten oder anderen körperlichen Belastungen auftreten und gehört ärztlich abgeklärt. Der Satz „Das ist halt die Demenz“ darf niemals dazu führen, dass eine behandelbare Erkrankung übersehen wird.
Auch Medikamente sollten bei einer deutlichen Verhaltensänderung mit dem behandelnden Arzt überprüft werden. Wenn kurz nach einer neuen Medikation ungewöhnliche Unruhe, Benommenheit oder andere Veränderungen auftreten, ist diese Information wichtig. Medikamente sollten jedoch niemals eigenständig reduziert, ausgetauscht oder abgesetzt werden.
Ein weiterer Punkt, den Familien häufig übersehen, ist der Toilettengang. Ein Mensch kann immer wieder zur Tür oder durch die Wohnung laufen, weil er eine volle Blase spürt, den Zusammenhang aber nicht mehr richtig herstellen kann. Auch Verstopfung kann erhebliche Unruhe auslösen. Hunger, Durst, Schmerzen, Müdigkeit und körperliches Unwohlsein gehören deshalb immer zu den ersten Dingen, die ich im Alltag mitdenken würde. Manchmal suchen wir nach einer komplizierten demenzbedingten Erklärung und übersehen ein sehr menschliches Bedürfnis.
Auch eine zu volle Umgebung kann den Wunsch verstärken, wegzugehen. Wenn mehrere Personen gleichzeitig sprechen, der Fernseher läuft, Geschirr klappert und ständig etwas vom Erkrankten erwartet wird, kann „Ich will nach Hause“ manchmal bedeuten, dass der Mensch schlicht aus dieser Überforderung herausmöchte. Ein ruhigerer Raum oder eine Pause kann dann überraschend viel verändern. Gleichzeitig sollte man aber auch darauf achten, einen Menschen nicht vollkommen reizarm zu halten. Jemand, der sein Leben lang aktiv war, kann durch lange Phasen ohne Tätigkeit ebenfalls unruhig werden. Ein vertrauter Spaziergang, Blumen gießen, Wäsche zusammenlegen oder eine andere biografisch passende kleine Tätigkeit kann mehr helfen als ständiges Auffordern, sitzen zu bleiben.
Ich möchte an dieser Stelle auch über etwas sprechen, das Angehörige häufig nicht laut sagen: Manchmal macht dieser Satz wütend. Wenn man den ganzen Tag organisiert, gekocht, gewaschen, Medikamente gerichtet und versucht hat, Sicherheit zu schaffen, kann es wehtun, abends zu hören: „Ich will hier weg.“ Eine Tochter denkt dann vielleicht: „Was soll ich denn noch tun, damit du dich hier wohlfühlst?“ Ein Ehepartner fühlt sich möglicherweise zurückgewiesen, wenn die Frau nach ihren längst verstorbenen Eltern ruft und ausgerechnet ihn nicht als denjenigen erlebt, bei dem sie zu Hause ist.
Diese Gefühle machen niemanden zu einem schlechten Angehörigen. Sie zeigen vielmehr, wie persönlich die Erkrankung in eine Beziehung eingreift. Rational zu wissen, dass eine Demenz dahintersteht, schützt nicht vollständig vor Trauer oder Verletzung. Angehörige dürfen diese Gefühle haben. Wichtig ist nur, sie nicht zur Erklärung des Verhaltens des Erkrankten zu machen. Die Mutter sagt nicht bewusst: „Bei dir fühle ich mich nicht zu Hause.“ Sie versucht möglicherweise, mit einer inneren Orientierungslosigkeit umzugehen, für die sie keine anderen Worte mehr hat.
Gerade deshalb halte ich den Satz „Nimm es nicht persönlich“ für zu oberflächlich. Besser wäre zu sagen: Es darf Sie persönlich berühren, aber Sie müssen die Aussage nicht so interpretieren, wie Sie sie bei einem gesunden Menschen interpretieren würden. Das ist ein großer Unterschied.
Für manche Angehörige hilft auch das Wissen, dass „Zuhause“ in einer Demenz manchmal zeitlich verschoben ist. Eine Frau kann sich nach dem Elternhaus sehnen, weil sie sich innerlich als wesentlich jünger erlebt. Sie möchte vielleicht zu ihrer Mutter, weil in ihrem momentanen Zeiterleben die Mutter noch die wichtigste Bezugsperson ist. Ihr heutiges Haus kann deshalb tatsächlich nicht das Zuhause sein, das sie meint. Wenn die Tochter dann sagt: „Aber das ist dein Haus“, sprechen beide gewissermaßen über zwei verschiedene Dinge.
In solchen Situationen kann es schön sein, über das frühere Zuhause zu sprechen. Wie sah die Küche aus? Gab es einen Garten? Wer lebte dort? Was wurde sonntags gekocht? Diese Gespräche können Vertrautheit schaffen, ohne eine falsche Wirklichkeit zu bestätigen. Fotos können helfen, sofern sie den Menschen nicht überfordern. Wichtig ist, daraus keinen Gedächtnistest zu machen. Statt „Weißt du, wer das ist?“ kann man einfach erzählen: „Das war euer Garten damals. Du hast immer erzählt, dass dort die Rosen standen.“ So bekommt der Mensch Orientierung angeboten, ohne etwas beweisen zu müssen.
Auch vertraute Gegenstände können eine Rolle spielen. Ein bestimmtes Kissen, eine Decke, ein Möbelstück, Musik oder ein Geruch kann stärker an Sicherheit gebunden sein als die räumliche Information „Das ist dein Haus“. Bei fortgeschrittener Demenz wird Beziehung häufig zunehmend über solche emotionalen und sinnlichen Zugänge getragen. Das bedeutet nicht, dass jeder vertraute Gegenstand automatisch beruhigt, aber es lohnt sich zu beobachten, was beim einzelnen Menschen erkennbar Sicherheit vermittelt.
Wenn der Wunsch zu gehen sehr konkret wird, sollte man zunächst möglichst ruhig bleiben. Eine hektische Reaktion wie „Nein, du darfst auf keinen Fall raus!“ kann die Spannung erhöhen. Wenn es möglich ist, würde ich mich fragen, was gerade hinter der Bewegung steht und ob sie sicher begleitet werden kann. Vielleicht reicht ein gemeinsamer Gang zur Tür und anschließend in den Garten. Vielleicht lässt sich die Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten. Vielleicht ist der Mensch hungrig oder sucht die Toilette. Manchmal ist ein kurzer Ortswechsel innerhalb der Wohnung bereits hilfreich.
Es gibt allerdings auch Situationen, in denen Ablenkung nicht funktioniert und der Mensch beharrlich weggehen möchte. Angehörige sollten sich dann nicht vorwerfen, nicht die richtige Methode gefunden zu haben. Demenz lässt sich nicht durch geschickte Kommunikation vollständig steuern. Manchmal bleibt die Unruhe bestehen, obwohl man ruhig, verständnisvoll und aufmerksam reagiert. Dann ist es wichtig, die Belastung und das Risiko realistisch einzuschätzen und gegebenenfalls fachliche Hilfe einzubeziehen.
Besonders wenn ein Mensch wiederholt unbemerkt das Haus verlässt, sich verirrt, in gefährliche Situationen gerät oder nachts ausgeprägten Weggehdrang zeigt, braucht die Familie Unterstützung. Es sollte dann gemeinsam mit Ärzten und gegebenenfalls weiteren Fachpersonen geprüft werden, welche Ursachen vorliegen und welche Maßnahmen angemessen sind. Dabei ist immer abzuwägen, wie Sicherheit geschaffen werden kann, ohne die Bewegungsfreiheit stärker als notwendig einzuschränken. Maßnahmen, die eine Person gegen ihren Willen festhalten oder ihre Bewegungsfreiheit wesentlich beschränken, können rechtlich besonders sensibel sein und sollten nicht einfach eigenmächtig umgesetzt werden.
Die Nacht verdient besondere Aufmerksamkeit. Manche Menschen stehen nachts auf und möchten „nach Hause“, weil die Orientierung im Dunkeln noch schwerer fällt oder der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört ist. Dann können gute Orientierungsmöglichkeiten, ausreichend Licht auf dem Weg zur Toilette und eine ruhige Umgebung hilfreich sein. Gleichzeitig sollten Schmerzen, nächtlicher Harndrang, Schlafstörungen und Medikamente ärztlich mitbedacht werden, wenn Nachtaktivität ausgeprägt oder neu ist.
Auch das Schuhwerk und die allgemeine Mobilität dürfen nicht vergessen werden. Wer einen starken Bewegungsdrang hat, sollte möglichst sicher gehen können. Ein korrekt eingestellter Rollator hilft nur, wenn der Mensch ihn tatsächlich nutzt und in der Handhabung noch ausreichend sicher ist. Stolperstellen, schlechte Beleuchtung und unsichere Schuhe erhöhen das Risiko zusätzlich. Manchmal besteht die beste Reaktion auf Weggehdrang deshalb nicht darin, das Gehen zu verhindern, sondern die Bewegung sicherer zu machen und möglichst zu begleiten.
Was Angehörigen außerdem helfen kann, ist eine kleine vorbereitete Strategie für immer wiederkehrende Situationen. Wenn bekannt ist, dass die Mutter jeden Abend gegen 18 Uhr nach Hause möchte, muss man nicht jedes Mal völlig überrascht reagieren. Vielleicht hat sich gezeigt, dass zu dieser Zeit ein kleiner Spaziergang, ein vertrautes Abendessen oder das gemeinsame Anschauen alter Fotos beruhigt. Vielleicht funktioniert eine bestimmte Person besonders gut als Ansprechpartner. Solche Rituale nehmen auch Angehörigen etwas von der Hilflosigkeit.
Trotzdem sollte niemand daraus einen starren Plan machen. Was gestern funktioniert hat, kann heute scheitern. Menschen mit Demenz haben gute und schlechte Tage, sind unterschiedlich müde und erleben ihre Umwelt nicht immer gleich. Das gehört zu der Erkrankung und ist für Familien häufig einer der schwierigsten Punkte. Man möchte eine Lösung finden, auf die man sich verlassen kann, aber genau diese Verlässlichkeit gibt es nicht immer.
Auch deshalb brauchen pflegende Angehörige Entlastung. Wer jeden Tag dieselbe Frage zwanzigmal hört, kann irgendwann keine geduldige Antwort mehr geben. Wer nachts immer wieder aufsteht, weil der Partner das Haus verlassen möchte, ist irgendwann erschöpft. Und wer selbst am Ende seiner Kraft ist, kann auch einem Menschen mit Demenz kaum noch die Ruhe vermitteln, die er eigentlich braucht. Unterstützung anzunehmen ist deshalb keine Niederlage und kein Zeichen mangelnder Liebe. Gerade bei ausgeprägter Weggehneigung oder nächtlicher Unruhe kann eine verlässliche Betreuung notwendig werden, damit die Situation für alle Beteiligten überhaupt tragfähig bleibt.
Nach 25 Jahren in der häuslichen Seniorenbetreuung glaube ich, dass Angehörige bei dem Satz „Ich will nach Hause“ vor allem zwei Dinge brauchen: Verständnis für den Erkrankten und Verständnis für sich selbst. Sie müssen wissen, dass dieser Satz häufig aus einer veränderten inneren Orientierung entsteht und nicht als Ablehnung ihrer Fürsorge verstanden werden sollte. Gleichzeitig dürfen sie sich eingestehen, dass es weh tut, immer wieder zu hören, dass ein geliebter Mensch scheinbar irgendwo anders hin möchte.
Beides darf nebeneinander bestehen.
Vielleicht hilft es, beim nächsten „Ich will nach Hause“ nicht sofort über die Adresse zu sprechen, sondern für einen Augenblick zu überlegen, wonach dieser Mensch gerade sucht. Sicherheit, eine frühere Lebensphase, seine Mutter, eine vertraute Aufgabe, Bewegung oder einfach das Gefühl, wieder zu wissen, wo er hingehört. Nicht immer werden wir es herausfinden. Aber schon die Bereitschaft, diese Frage zu stellen, verändert unsere Reaktion.
Dann müssen wir nicht mehr beweisen, dass die Möbel dieselben sind und der Garten vor dem Fenster der eigene ist. Wir können versuchen, etwas von dem herzustellen, was „Zuhause“ für diesen Menschen vielleicht tatsächlich bedeutet: Vertrautheit, Ruhe, ein bekannter Mensch, eine freundliche Stimme und das Gefühl, mit seiner Verunsicherung nicht allein zu sein.
Und vielleicht liegt genau darin die tiefste Bedeutung von Zuhause. Nicht ausschließlich in vier Wänden, sondern in dem Gefühl, an einem Ort und bei Menschen zu sein, bei denen man sich sicher fühlen darf.
Wenn eine Demenz genau dieses innere Gefühl immer wieder erschüttert, können wir es nicht vollständig zurückgeben. Aber wir können einem Menschen dabei helfen, für einzelne Momente wieder etwas davon zu spüren. Nicht indem wir seine Wirklichkeit ständig korrigieren, sondern indem wir versuchen zu verstehen, was er uns mit seinen Worten möglicherweise sagen möchte.
Für mich ist das eine der anspruchsvollsten und zugleich menschlichsten Aufgaben in der Demenzbetreuung: einen Menschen nicht an der Richtigkeit seiner Orientierung zu messen, sondern ihm dort Sicherheit zu geben, wo seine eigene Orientierung ihn zunehmend im Stich lässt.
Ihre Elke Hanak
Elkine-Seniorenbetreuung – Ihr vertrauensvoller Partner für die häusliche 24 Stunden Seniorenbetreuung
Wichtiger medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und Orientierung für Angehörige und ersetzt keine ärztliche, neurologische, psychiatrische oder sonstige medizinische Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Ein neu auftretender oder deutlich zunehmender Weggehdrang, starke Unruhe, plötzlich verstärkte Verwirrtheit, ungewöhnliche Schläfrigkeit, Halluzinationen, Schmerzen oder andere deutliche Verhaltensveränderungen sollten ärztlich abgeklärt werden. Hinter solchen Veränderungen können neben einer Demenzerkrankung auch behandelbare Ursachen wie Schmerzen, Infektionen, Flüssigkeitsmangel, Verstopfung, Harnwegsbeschwerden, Schlafstörungen, Hör- oder Sehprobleme, Medikamentennebenwirkungen oder ein akuter Verwirrtheitszustand stehen. Medikamente dürfen nicht eigenständig begonnen, verändert oder abgesetzt werden. Bei akutem Verschwinden, Orientierungslosigkeit oder unmittelbarer Gefährdung muss je nach Situation unverzüglich geeignete Hilfe eingeschaltet werden.