Innere Unruhe bei einem Menschen mit Demenz gehört für viele Angehörige zu den Situationen, die besonders schwer auszuhalten sind, weil sie sich häufig nicht eindeutig erklären lässt und den ganzen Alltag verändern kann. Manchmal beginnt sie ganz unscheinbar. Die Mutter steht beim Frühstück immer wieder auf, obwohl sie eben erst Platz genommen hat. Der Vater geht mehrfach zur Haustür, schaut in den Flur, kehrt zurück und scheint selbst nicht zu wissen, wonach er sucht. Ein anderer Mensch nestelt an seiner Kleidung, öffnet Schubladen, läuft von einem Zimmer ins nächste oder fragt innerhalb weniger Minuten immer wieder dasselbe. Bei manchen Menschen äußert sich die innere Unruhe weniger durch Bewegung als durch Gereiztheit, Misstrauen oder Angst. Eine vertraute Alltagssituation kann plötzlich zu Abwehr führen, beim Anziehen wird die helfende Hand weggeschoben, beim Duschen entsteht Panik, aus einem eigentlich harmlosen Hinweis wird ein Streit. Für die Familie fühlt sich das oft an, als hätte sich nicht nur das Gedächtnis verändert, sondern der ganze Mensch.
Nach 25 Jahren in der häuslichen Seniorenbetreuung habe ich gelernt, dass man gerade in solchen Situationen sehr vorsichtig mit schnellen Erklärungen sein sollte. Es ist leicht gesagt, jemand sei „eben unruhig“ oder die Aggressivität gehöre zur Demenz. Aber Verhalten entsteht nicht im luftleeren Raum. Auch ein Mensch mit Demenz hat Gründe für das, was er tut, selbst wenn er diese Gründe nicht mehr erklären kann. Vielleicht versteht er die Situation nicht. Vielleicht hat er Schmerzen. Vielleicht ist ihm zu warm, zu kalt, zu laut oder zu hektisch. Vielleicht muss er zur Toilette und kann dieses Bedürfnis nicht mehr richtig einordnen. Vielleicht hat er schlecht geschlafen, seit Stunden kaum getrunken oder ist durch eine Umgebung überfordert, die für alle anderen vollkommen normal erscheint. Manchmal lässt sich der Grund finden, manchmal nicht. Aber allein die Haltung, dass das Verhalten etwas bedeuten könnte, verändert bereits den Umgang.
Demenz betrifft nämlich weit mehr als das Gedächtnis. Sie verändert zunehmend die Fähigkeit, die eigene Umgebung zu verstehen, Reize einzuordnen, Gefühle zu regulieren und innere Anspannung selbst wieder herunterzufahren. Ein gesunder Mensch kann meist benennen, was ihm fehlt. Er merkt, dass er hungrig ist, dass ihn ein Gespräch überfordert, dass er Schmerzen hat oder dass er eine Pause braucht. Er kann das Fenster öffnen, sich zurückziehen, um Ruhe bitten oder sagen, dass er heute keine Gesellschaft möchte. Ein Mensch mit Demenz verliert diese Fähigkeit häufig Stück für Stück. Das unangenehme Gefühl bleibt, aber die Erklärung dafür geht verloren. Dann ist da vielleicht ein Druck im Bauch, eine volle Blase, ein brennender Schmerz, Müdigkeit oder Angst, ohne dass der Mensch sagen kann: „Das ist es, was mich gerade belastet.“ Aus diesem nicht verstandenen Unbehagen kann Unruhe entstehen.
Gerade deshalb finde ich es wichtig, sich einmal vorzustellen, wie sich eine solche Situation von innen anfühlen könnte. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Raum, den Sie zwar irgendwie kennen, aber nicht mehr sicher einordnen können. Menschen sprechen mit Ihnen, doch manches geht zu schnell, anderes ergibt keinen Sinn. Jemand erwartet, dass Sie aufstehen, ins Badezimmer gehen oder eine Tablette nehmen, aber Sie wissen nicht genau, weshalb. Vielleicht kommt dann noch ein körperliches Unwohlsein hinzu, das Sie nicht benennen können. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt, aber Ihnen fehlt der Zusammenhang. In einer solchen Situation wäre Unruhe keine unverständliche Reaktion, sondern eine sehr menschliche Antwort auf Unsicherheit.
Für Angehörige ist dieser Perspektivwechsel wichtig, weil er den Blick auf das Verhalten verändert. Dann wird aus dem Satz „Sie läuft den ganzen Tag herum“ vielleicht die Frage, ob die Mutter etwas sucht, ob sie Bewegung braucht oder ob Sitzen für sie unangenehm ist. Aus „Er ist beim Duschen aggressiv“ wird die Frage, ob die Situation zu schnell, zu intim oder schmerzhaft ist. Aus „Sie fragt ständig nach ihrer Mutter“ wird vielleicht die Erkenntnis, dass hinter der Frage ein Bedürfnis nach Sicherheit und Vertrautheit steckt. Das heißt nicht, dass jede Verhaltensweise einfach toleriert werden muss oder dass Angehörige jede Ursache erkennen können. Aber es hilft, nicht sofort in einen Kampf gegen das sichtbare Verhalten zu geraten.
Besonders bei Aggression ist das wichtig, weil sie Angehörige persönlich trifft. Wenn eine Mutter nach ihrer Tochter schlägt, die ihr helfen möchte, oder ein Vater plötzlich Worte benutzt, die früher undenkbar gewesen wären, tut das weh. Niemand wird durch das Wissen um die Demenz plötzlich unempfindlich. Gerade deshalb halte ich es für wenig hilfreich, Angehörigen einfach zu sagen, sie sollten das nicht persönlich nehmen. Natürlich nehmen sie es persönlich, weil es von einem Menschen kommt, mit dem sie eine Geschichte haben. Hilfreicher ist es, zu verstehen, dass die Reaktion häufig nicht gegen die Person gerichtet ist, sondern gegen das, was der Mensch in diesem Moment erlebt. Wenn die Tochter beim Anziehen nach dem Arm greift, kann die Mutter darin nicht „Hilfe“ erkennen, sondern nur eine fremde Bewegung an ihrem Körper. Wenn jemand beim Duschen plötzlich Panik bekommt, ist es denkbar, dass Wasser, Nacktheit, Temperatur, Geräusche und Nähe gleichzeitig zu viel werden. In dieser Wahrnehmung kann Abwehr eine Form von Selbstschutz sein.
Genau deshalb würde ich bei wiederkehrender Unruhe immer versuchen, ein Muster zu erkennen. Es kann hilfreich sein, einige Tage lang knapp zu notieren, wann die Unruhe beginnt, wie der Tag vorher verlaufen ist, ob ausreichend gegessen und getrunken wurde, ob Stuhlgang vorhanden war, wie die Nacht war, welche Medikamente genommen wurden und welche Situation unmittelbar vorausging. Manchmal zeigt sich dann etwas, das im anstrengenden Alltag vorher verborgen blieb. Vielleicht tritt die Unruhe immer am späten Nachmittag auf, vielleicht regelmäßig nach einem langen Mittagsschlaf, vielleicht nur an Tagen mit vielen Besuchern oder immer dann, wenn die Körperpflege zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden soll. Solche Beobachtungen sind nicht nur für die Familie hilfreich, sondern auch für den behandelnden Arzt, weil die Aussage „Er ist in letzter Zeit unruhig“ viel weniger aussagekräftig ist als eine konkrete Beschreibung.
Ein ganz wesentlicher Punkt sind körperliche Ursachen. Menschen mit Demenz haben nicht weniger Schmerzen als andere Menschen, aber sie können Schmerzen mit fortschreitender Erkrankung häufig nicht mehr klar benennen oder an der richtigen Stelle lokalisieren. Ein Mensch sagt dann vielleicht nicht mehr, dass die Hüfte schmerzt, sondern weigert sich aufzustehen. Zahnschmerzen zeigen sich möglicherweise in Gereiztheit oder Essensverweigerung. Verstopfung kann zu starker Unruhe führen, ebenso Harnwegsbeschwerden, eine volle Blase, Flüssigkeitsmangel oder ein Infekt. Gerade bei älteren Menschen können körperliche Erkrankungen sich über Verhaltensveränderungen zeigen, lange bevor typische Symptome auffallen.
Deshalb sollte eine plötzlich neu auftretende oder deutlich zunehmende Unruhe immer ernst genommen werden. Wenn ein Mensch innerhalb kurzer Zeit wesentlich verwirrter, unruhiger oder auffällig schläfrig wird, darf man das nicht automatisch als Fortschreiten der Demenz ansehen. Ein sogenanntes Delir, also ein akuter Verwirrtheitszustand, kann beispielsweise durch Infektionen, Flüssigkeitsmangel, Medikamente, Stoffwechselveränderungen oder andere körperliche Ursachen ausgelöst werden und gehört medizinisch abgeklärt. Gerade hier kann die genaue Beobachtung der Angehörigen entscheidend sein, weil sie am besten sagen können: „So ist er normalerweise nicht.“
Auch Hunger und Durst werden im Zusammenhang mit Unruhe häufig unterschätzt. Ein Mensch kann hungrig sein, ohne das Gefühl noch richtig zuzuordnen. Vielleicht läuft er in die Küche, öffnet Schränke und geht wieder hinaus, weil er nicht mehr weiß, was er dort eigentlich wollte. Ein anderer ist durstig, nimmt aber selbst kein Getränk mehr. Wieder ein anderer wird am späten Nachmittag zunehmend gereizt, weil das Mittagessen lange zurückliegt und er selbst den Zusammenhang nicht erkennt. Solche Ursachen wirken banal, sind aber im Alltag sehr relevant. Gerade wenn ein Mensch nicht mehr zuverlässig sagt, was er braucht, muss die Umgebung ein Stück weit mitdenken, ohne ihn gleichzeitig ständig zu bevormunden.
Dasselbe gilt für den Toilettengang. Harndrang, Verstopfung oder andere Beschwerden können eine enorme innere Unruhe auslösen. Ein Mensch steht immer wieder auf, läuft zum Flur und zurück oder zieht an seiner Kleidung, während die Umgebung nur das „auffällige Verhalten“ sieht. Wer weiß, dass solche körperlichen Bedürfnisse hinter der Unruhe stecken können, fragt anders und beobachtet genauer. Auch Medikamente gegen Schmerzen, Medikamente mit entwässernder Wirkung oder andere Präparate können den Tagesablauf beeinflussen und sollten bei deutlichen Veränderungen mit dem Arzt besprochen werden, ohne sie eigenmächtig zu verändern.
Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Reizverarbeitung. Für einen gesunden Menschen ist es meist kein Problem, gleichzeitig den Fernseher laufen zu lassen, mit mehreren Personen zu sprechen und nebenbei noch etwas zu erledigen. Ein demenzkrankes Gehirn kann solche Situationen irgendwann nicht mehr ausreichend sortieren. Stimmen überlagern sich, Bewegungen im Raum lenken ab, ein laufender Fernseher wird nicht mehr als Hintergrund wahrgenommen, sondern als weiterer Reiz, der verarbeitet werden muss. Dann kann aus einer scheinbar geselligen Situation eine Überforderung entstehen. Der Mensch wird unruhig, steht auf, wird laut oder zieht sich zurück, obwohl die Familie nur nett zusammensitzen wollte.
Deshalb lohnt sich bei Unruhe immer die Frage, ob gerade zu viel geschieht. Muss der Fernseher nebenbei laufen? Müssen fünf Menschen gleichzeitig etwas erzählen? Kann die Körperpflege vielleicht in einer ruhigeren Umgebung stattfinden? Braucht der Senior zwischendurch Zeit, in der niemand etwas von ihm möchte? Gerade Menschen mit Demenz können sehr sensibel auf Hektik reagieren, selbst wenn sie die Ursache ihrer Anspannung nicht benennen können.
Aber auch das Gegenteil ist möglich. Zu wenig Anregung kann ebenfalls Unruhe fördern. Ein Mensch, der sein Leben lang gearbeitet, organisiert, einen Haushalt geführt oder einen Garten versorgt hat, kann es kaum aushalten, plötzlich stundenlang nur im Sessel zu sitzen. Angehörige erleben das ständige Aufstehen dann als Problem und versuchen, den Menschen wieder hinzusetzen. Vielleicht liegt die eigentliche Lösung aber nicht im Sitzen, sondern darin, dem Bewegungsdrang einen sicheren Rahmen zu geben. Wenn ein Mensch gern läuft und körperlich dazu in der Lage ist, muss nicht jeder Gang verhindert werden. Ein Spaziergang, ein Weg durch den Garten oder eine kleine vertraute Tätigkeit können helfen, innere Spannung abzubauen.
Gerade biografisch vertraute Aufgaben können viel bewirken. Eine Frau, die jahrzehntelang einen Haushalt geführt hat, möchte vielleicht Handtücher zusammenlegen, Besteck sortieren oder Gemüse vorbereiten. Ein Mann, der immer im Garten gearbeitet hat, kann vielleicht Blätter sammeln oder etwas gießen. Solche Tätigkeiten sind dann keine künstliche Beschäftigung, sondern knüpfen an etwas an, das zum Leben dieses Menschen gehört. Dabei sollte nie der Anspruch entstehen, eine Aufgabe müsse korrekt erledigt werden. Wenn ein Handtuch dreimal neu zusammengelegt wird oder Besteck nicht exakt sortiert wird, ist das völlig nebensächlich. Entscheidend ist, dass der Mensch sich sinnvoll beschäftigt und nicht ständig das Gefühl bekommt, alles falsch zu machen.
Auch wiederholte Fragen gehören häufig zur inneren Unruhe. Angehörige erleben es als extrem anstrengend, wenn innerhalb kurzer Zeit zehnmal gefragt wird, wann man nach Hause fahre, obwohl der Mensch längst zu Hause ist, oder wo die Mutter sei, obwohl sie seit Jahrzehnten verstorben ist. Die spontane Reaktion besteht oft darin, die Tatsache erneut zu erklären. Das funktioniert manchmal für wenige Minuten, dann beginnt die Frage von vorn. Der Grund liegt darin, dass der Mensch die Information möglicherweise nicht mehr dauerhaft speichern kann. Dann bringt es wenig, immer ausführlicher zu erklären.
Viel hilfreicher kann es sein, auf das Gefühl hinter der Frage zu hören. Wenn jemand „nach Hause“ möchte, muss er nicht zwingend eine bestimmte Adresse meinen. Zuhause kann für ihn das Gefühl von Sicherheit, Jugend, Elternhaus oder Vertrautheit bedeuten. Wenn eine ältere Frau nach ihrer Mutter fragt, sucht sie vielleicht nicht die tatsächliche Person, sondern Trost und Geborgenheit. Das heißt nicht, dass man jede Erinnerung bestätigen oder eine ausgeklügelte Geschichte erfinden muss. Man kann aber versuchen, das Gefühl aufzunehmen und den Menschen dort abzuholen. Ein Satz wie „Du vermisst deine Mutter gerade sehr“ kann emotional näher sein als die wiederholte Information, dass sie längst verstorben ist.
Ebenso wichtig ist der Tagesrhythmus. Viele Angehörige beobachten, dass die Unruhe gegen Nachmittag oder Abend zunimmt. Das kann mit zunehmender Müdigkeit, nachlassender Reizverarbeitung und einer gestörten inneren Tagesstruktur zusammenhängen. Häufig wird dafür der Begriff „Sundowning“ verwendet. Wichtiger als die Bezeichnung ist jedoch die Beobachtung, ob beim eigenen Angehörigen tatsächlich ein wiederkehrendes Muster besteht. Wenn sich zeigt, dass ein Senior gegen Abend immer erschöpfter und unruhiger wird, können anstrengende Termine, größere Familienbesuche oder komplexe Pflegesituationen vielleicht besser auf eine frühere Tageszeit gelegt werden. Tageslicht, Bewegung und ein sinnvoll strukturierter Tagesablauf können ebenfalls hilfreich sein, wobei es keine Patentlösung gibt.
Schlaf und Unruhe beeinflussen sich gegenseitig. Wer nachts schlecht schläft, ist tagsüber weniger belastbar, und wer tagsüber sehr viel schläft, findet nachts möglicherweise weniger Ruhe. Bei Demenz kann der Tag-Nacht-Rhythmus zusätzlich gestört sein. Für Familien kann das besonders belastend werden, wenn der Senior nachts umherläuft, Türen öffnet oder immer wieder aufsteht. Der Ehepartner schläft dann kaum noch, ist tagsüber erschöpft und wird selbst immer dünnhäutiger. Solche Situationen sollte man nicht auf Dauer allein aushalten. Schlafprobleme gehören ärztlich besprochen, weil neben der Demenz auch Schmerzen, nächtlicher Harndrang, Schlafapnoe, Medikamente, Depressionen oder andere Ursachen beteiligt sein können.
Ein Punkt, der Angehörigen manchmal unangenehm ist, betrifft die eigene Anspannung. Niemand ist schuld an der Unruhe eines Menschen mit Demenz, und es wäre falsch, Familien den Eindruck zu vermitteln, sie müssten nur ruhig genug sein, dann verschwinde das Problem. Trotzdem beeinflussen Menschen sich gegenseitig. Wenn eine Tochter schon mit der Erwartung in die Körperpflege geht, dass es heute wieder schwierig wird, verändert sich häufig unbewusst ihre Stimme, ihr Tempo und ihre Körperspannung. Die Mutter nimmt diese Veränderung wahr, ohne sie erklären zu können, wird ihrerseits angespannter, und innerhalb weniger Minuten schaukelt sich die Situation hoch.
Das bedeutet nicht, dass die Tochter etwas falsch gemacht hat. Es zeigt vielmehr, wie wichtig es sein kann, schwierige Situationen nicht unter Zeitdruck zu beginnen und rechtzeitig Unterstützung anzunehmen. Manchmal gelingt eine Tätigkeit mit einer vertrauten Betreuungskraft leichter als mit dem Angehörigen, weil die Beziehung eine andere ist. Gerade Körperpflege kann zwischen Eltern und erwachsenen Kindern alte Schamgrenzen berühren. Wenn eine Mutter die Hilfe ihrer Tochter ablehnt, heißt das nicht, dass sie ihre Tochter nicht liebt. Es kann schlicht bedeuten, dass diese Form der Nähe innerhalb der familiären Beziehung für sie schwerer auszuhalten ist.
Angehörige müssen ihre eigene Belastung deshalb genauso ernst nehmen wie die Unruhe des Erkrankten. Wer nachts kaum noch schläft, tagsüber ständig aufpassen muss und jedes Geräusch mit dem Gedanken verbindet, dass der Angehörige wieder aufsteht oder sich in Gefahr bringt, befindet sich irgendwann selbst in einem Zustand dauernder Alarmbereitschaft. Das hält kein Mensch unbegrenzt aus. Gerade Ehepartner versuchen häufig sehr lange, alles allein zu tragen, weil sie denken, niemand kenne den anderen so gut wie sie. Diese Nähe ist wertvoll, ersetzt aber keine körperlichen Reserven. Auch ein liebender Ehepartner braucht Schlaf, Ruhe und Zeiten, in denen er nicht verantwortlich ist.
Es darf deshalb nicht erst zum Zusammenbruch kommen, bevor Hilfe organisiert wird. Unterstützung kann ganz unterschiedlich aussehen. Manchmal reichen stundenweise Entlastungen, manchmal braucht es mehr Hilfe im Alltag, manchmal eine umfassendere häusliche Betreuung. Entscheidend ist, dass eine Familie nicht glaubt, sie hätte versagt, wenn sie eine Situation nicht mehr allein bewältigen kann. Demenz kann im Verlauf Anforderungen stellen, die ein einzelner Mensch dauerhaft schlicht nicht auffangen kann.
Besonders sensibel ist die Frage nach Medikamenten. Viele Angehörige zögern sehr lange, bevor sie dieses Thema beim Arzt ansprechen, weil sie Angst haben, der geliebte Mensch werde „ruhiggestellt“. Diese Sorge ist verständlich, und sie sollte ernst genommen werden. Gleichzeitig halte ich es für genauso falsch, jede medikamentöse Unterstützung grundsätzlich abzulehnen. Es gibt Menschen mit Demenz, die unter massiver Angst, quälender Unruhe, Halluzinationen oder wiederkehrender aggressiver Anspannung leiden. Wenn körperliche Ursachen gesucht und behandelbare Auslöser berücksichtigt wurden und nichtmedikamentöse Maßnahmen nicht ausreichen, kann eine ärztlich sorgfältig ausgewählte medikamentöse Behandlung in manchen Situationen sinnvoll sein.
Das Ziel darf dabei niemals sein, einen Menschen für die Umgebung bequemer zu machen. Ein Medikament sollte nicht eingesetzt werden, weil jemand zu viel läuft oder Angehörige stört. Entscheidend ist, ob der Betroffene selbst unter seinem Zustand leidet, ob eine ernsthafte Gefahr besteht und ob die Behandlung unter Berücksichtigung aller Risiken einen wirklichen Nutzen erwarten lässt. Gerade bei älteren Menschen und bei Demenz können beruhigende oder antipsychotische Medikamente erhebliche Nebenwirkungen haben. Müdigkeit, Benommenheit, Schwindel, erhöhte Sturzgefahr, verstärkte Verwirrtheit oder andere Komplikationen sind möglich, und manche Medikamente haben bei Menschen mit Demenz besondere Risiken. Deshalb muss die Entscheidung individuell ärztlich getroffen und regelmäßig überprüft werden.
Angehörige dürfen und sollten beim Arzt sehr konkret nachfragen, welches Symptom überhaupt behandelt werden soll, weshalb gerade dieses Medikament ausgewählt wurde, welche Nebenwirkungen auftreten können und wann die Wirkung überprüft werden soll. Ebenso wichtig ist die Frage, ob ein Medikament, das in einer akuten Situation sinnvoll war, später wieder reduziert oder abgesetzt werden kann. Eine einmal begonnene Behandlung darf nicht automatisch zur Dauerlösung werden, ohne dass erneut geprüft wird, ob sie noch erforderlich ist.
Gleichzeitig sollte niemand aus Angst vor Medikamenten übersehen, dass auch ein unbehandelter Zustand großes Leiden verursachen kann. Ein Mensch, der über Stunden in massiver Angst lebt, ständig angespannt ist oder seine Umgebung dauerhaft als bedrohlich erlebt, hat ebenfalls keine gute Lebensqualität. Wenn eine sorgfältig eingestellte ärztliche Behandlung dazu führt, dass Angst abnimmt, Schlaf wieder möglich wird oder der Mensch überhaupt erst wieder Nähe zulassen kann, kann das für ihn eine wirkliche Entlastung sein. Entscheidend ist die Zielrichtung: nicht Unterdrückung von Verhalten, sondern Linderung von Leiden.
Im Alltag hilft es häufig, den Menschen nicht ständig zu korrigieren. Viele Familien geraten unbemerkt in einen Tagesablauf, der fast nur noch aus „Nein“, „Nicht da hin“, „Setz dich wieder“, „Lass das“ und „Du musst doch“ besteht. Für einen Menschen mit Demenz kann das sehr belastend sein. Wenn er immer wieder aufsteht, obwohl keine akute Gefahr besteht, muss man ihn vielleicht nicht jedes Mal zum Sitzen bringen. Wenn er eine Schublade mit ungefährlichen Dingen ausräumt und wieder einräumt, muss das nicht sofort verhindert werden. Gerade hier lohnt sich die Frage, ob eine Handlung tatsächlich gefährlich ist oder ob sie lediglich von unserer Vorstellung eines geordneten Alltags abweicht.
Diese Unterscheidung kann Familien enorm entlasten. Nicht jede ungewöhnliche Handlung muss korrigiert werden. Manche Dinge kann man zulassen, solange sie sicher sind. Dadurch entsteht weniger Reibung, und der Mensch erfährt nicht den ganzen Tag, dass seine Handlungen falsch sind. Gerade in einem Leben, in dem ohnehin immer mehr Entscheidungen von anderen übernommen werden, kann dieser kleine Rest von Freiheit sehr wichtig sein.
Natürlich gibt es auch Tage, an denen trotz aller Überlegungen kaum etwas hilft. Der Mensch bleibt unruhig, reagiert auf Nähe empfindlich, schläft schlecht oder lehnt vieles ab. Angehörige sollten sich dann nicht automatisch fragen, welchen Fehler sie gemacht haben. Demenz ist keine Erkrankung, bei der die richtige Kommunikation garantiert zu einer ruhigen Reaktion führt. Tagesform, körperliche Verfassung und innere Belastung können schwanken. Ein Ablauf, der gestern gut funktioniert hat, kann heute scheitern und morgen wieder möglich sein.
Manchmal ist es dann vernünftiger, Anforderungen zu reduzieren und den Tag möglichst ruhig zu gestalten. Eine nicht zwingend notwendige Tätigkeit kann warten, ein Besuch kann kürzer ausfallen, eine Körperpflege kann vielleicht teilweise verschoben werden. Es geht nicht darum, alles aufzugeben, sondern darum, zu erkennen, dass ein Mensch an diesem Tag möglicherweise weniger leisten kann.
Wenn eine ärztliche Abklärung notwendig wird, hilft es sehr, möglichst konkret zu berichten. Seit wann besteht die Unruhe? Kam sie plötzlich oder schleichend? Gibt es bestimmte Tageszeiten? Hat sich der Schlaf verändert? Trinkt der Mensch weniger? Gibt es Probleme mit Stuhlgang oder Wasserlassen? Bestehen Schmerzen? Wurde kürzlich ein Medikament neu begonnen, abgesetzt oder verändert? Gibt es Halluzinationen oder ausgeprägte Angst? Ist der Mensch zwischendurch ungewöhnlich schläfrig oder deutlich verwirrter als sonst? Solche Informationen helfen viel mehr als die allgemeine Aussage, jemand sei „in letzter Zeit schwieriger“.
Bei all diesen Überlegungen dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass hinter dem Verhalten immer noch der Mensch sitzt, den die Familie kennt. Wenn sich Unruhe über Wochen hinzieht, geschieht es leicht, dass im Alltag nur noch über das Problem gesprochen wird. Dann ist der Vater „der, der ständig läuft“, die Mutter „die, die immer ruft“, oder der Ehepartner „der, der nachts nicht schläft“. Das ist menschlich, weil die Belastung groß ist. Trotzdem lohnt es sich, sich immer wieder daran zu erinnern, dass diese Verhaltensweisen nicht seine ganze Person geworden sind.
Vielleicht sucht dieser Mensch Sicherheit. Vielleicht versteht er die Welt um sich herum nicht mehr. Vielleicht hat er Schmerzen. Vielleicht versucht er, eine frühere Aufgabe zu erfüllen, die in seiner inneren Wirklichkeit noch vollkommen sinnvoll ist. Vielleicht kann er schlicht nicht mehr erklären, was ihm fehlt. Wenn wir uns diese Möglichkeit offenhalten, behandeln wir nicht nur ein Verhalten, sondern begleiten einen Menschen.
Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen bloßer Kontrolle und wirklicher Demenzbetreuung. Kontrolle fragt: Wie bekomme ich ihn dazu, endlich sitzen zu bleiben? Betreuung fragt: Warum steht er immer wieder auf, und kann ich diesen Wunsch vielleicht sicherer ermöglichen? Kontrolle fragt: Wie verhindere ich, dass sie ständig nach Hause will? Betreuung fragt: Was fehlt ihr gerade, damit sie sich hier nicht sicher fühlt? Kontrolle fragt: Welches Mittel macht ihn ruhiger? Gute Begleitung fragt zuerst, ob Schmerzen, Angst, Überforderung oder eine andere Ursache dahinterstehen und was wirklich helfen könnte.
Nach 25 Jahren mit Senioren und ihren Angehörigen weiß ich, dass es dafür keine Patentrezepte gibt. Dafür sind Menschen zu verschieden, Lebensgeschichten zu unterschiedlich und Demenzerkrankungen zu individuell. Aber es gibt eine Haltung, die sich immer wieder bewährt: nicht vorschnell zu urteilen, genau hinzusehen, körperliche Ursachen ernst zu nehmen, vertraute Strukturen zu schaffen, Bewegung nicht automatisch als Problem zu betrachten und Angehörige nicht mit dem Anspruch allein zu lassen, jede schwierige Situation selbst lösen zu müssen.
Innere Ruhe lässt sich einem Menschen mit Demenz nicht befehlen. Manchmal kann sie durch einen vertrauten Tagesablauf entstehen, manchmal durch Bewegung, durch weniger Reize, eine bekannte Stimme oder einfach dadurch, dass niemand gerade etwas verlangt. Manchmal braucht es eine medizinische Behandlung, und manchmal bleibt trotz aller Bemühungen ein Rest von Unruhe bestehen.
Entscheidend ist für mich, dass wir nicht nur danach fragen, wie wir das sichtbare Verhalten zum Verschwinden bringen. Die wichtigere Frage lautet, was dieser Mensch möglicherweise erlebt und was wir tun können, damit er sich wieder ein Stück sicherer fühlt. Wenn uns das gelingt, entsteht nicht nur weniger Unruhe. Es entsteht auch etwas, das für Menschen mit Demenz immer wichtiger wird, je unsicherer ihre Welt wird: das Gefühl, nicht allein gelassen, nicht ständig korrigiert und trotz aller Veränderungen weiterhin als ganzer Mensch gesehen zu werden.
Und genau das wünsche ich auch den Angehörigen. Sie dürfen wissen, dass sie nicht jede Unruhe verhindern können, dass nicht jede schwierige Situation auf einen Fehler zurückgeht und dass es vollkommen legitim ist, Unterstützung zu benötigen. Wer einen Menschen mit Demenz liebt, muss nicht alles allein aushalten. Gute Begleitung bedeutet nicht, sich selbst aufzugeben. Sie bedeutet, gemeinsam einen Weg zu finden, auf dem der Erkrankte möglichst viel Sicherheit und Lebensqualität behält und der Angehörige nicht unter der Last der Verantwortung zusammenbricht.
Ihre Elke Hanak
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Wichtiger medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und Orientierung für Angehörige und ersetzt ausdrücklich keine ärztliche, neurologische, psychiatrische oder sonstige medizinische Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Neu auftretende oder deutlich zunehmende Unruhe, starke Verwirrtheit, ungewöhnliche Schläfrigkeit, Halluzinationen, ausgeprägte Angst, aggressives Verhalten oder andere auffällige Veränderungen sollten ärztlich abgeklärt werden. Besonders eine plötzlich einsetzende Veränderung kann durch behandelbare körperliche Ursachen wie Schmerzen, Infektionen, Flüssigkeitsmangel, Verstopfung, Harnverhalt, Stoffwechselveränderungen, Medikamentennebenwirkungen oder einen akuten Verwirrtheitszustand verursacht sein. Beruhigende, angstlösende oder antipsychotische Medikamente dürfen ausschließlich nach ärztlicher Beurteilung eingesetzt, verändert oder abgesetzt werden und sollten wegen möglicher Nebenwirkungen und Wechselwirkungen regelmäßig ärztlich überprüft werden.