Für viele Angehörige beginnt die Sorge ganz unspektakulär. Das Glas Wasser bleibt stehen, der Kaffee wird nur halb getrunken und auf die wiederholte Frage, ob noch etwas zu trinken gewünscht wird, kommt immer häufiger die Antwort: „Ich habe keinen Durst.“
Gerade im höheren Alter ist das nichts Ungewöhnliches. Das Durstgefühl kann deutlich schwächer werden, obwohl der Körper weiterhin Flüssigkeit benötigt. Hinzu kommen Erkrankungen, Medikamente, Schluckbeschwerden oder die Sorge, anschließend ständig zur Toilette zu müssen. Manche ältere Menschen trinken deshalb über den ganzen Tag verteilt nur sehr kleine Mengen, ohne selbst das Gefühl zu haben, dass ihnen etwas fehlt.
Für Angehörige ist das oft schwer zu verstehen. Wer selbst Durst verspürt, greift automatisch zum Glas. Wenn dieses Warnsignal schwächer wird, funktioniert diese Selbstverständlichkeit nicht mehr zuverlässig.
Bei einer Demenzerkrankung kommen häufig weitere Schwierigkeiten hinzu. Manche Menschen vergessen zu trinken. Andere können Durst nicht mehr richtig einordnen oder verstehen nicht mehr, warum ihnen immer wieder ein Getränk angeboten wird. Auch Angst vor dem Verschlucken, Unsicherheit im Umgang mit einem Glas oder eine veränderte Wahrnehmung können eine Rolle spielen.
Gerade deshalb hilft es wenig, Trinkverweigerung vorschnell als Sturheit zu betrachten. Hinter einem abgelehnten Glas kann sehr Unterschiedliches stehen. Vielleicht hat der Mensch gerade tatsächlich kein Durstgefühl. Vielleicht empfindet er das Getränk als zu kalt oder zu warm. Vielleicht fällt das Schlucken schwer. Vielleicht fürchtet er den anschließenden Toilettengang oder versteht die Situation in diesem Moment nicht.
Wer die Ursache besser versteht, kann häufig viel angemessener reagieren. Gerade bei Menschen mit Demenz lohnt es sich deshalb, genau zu beobachten, wann das Trinken leichter gelingt, welche Getränke bevorzugt werden und ob bestimmte Situationen immer wieder zu Ablehnung führen.
Aus Sorge beginnen Angehörige verständlicherweise oft, immer häufiger zu erinnern: „Bitte trink noch etwas.“ Oder: „Du musst mehr trinken.“
Wenn sich solche Aufforderungen über den ganzen Tag wiederholen, kann daraus allerdings ein ständiger Konflikt entstehen. Gerade Menschen mit Demenz reagieren sensibel darauf, wenn sie sich bevormundet oder unter Druck gesetzt fühlen. Dann steht irgendwann nicht mehr das Getränk im Mittelpunkt, sondern das unangenehme Gefühl, kontrolliert zu werden.
Häufig ist es hilfreicher, Getränke selbstverständlich in den Alltag einzubauen. Ein Glas steht beim Frühstück bereit, später wird gemeinsam Kaffee oder Tee getrunken, nach einem Spaziergang gibt es erneut etwas und auch zu den Mahlzeiten wird selbstverständlich ein Getränk angeboten. Auf diese Weise wird Trinken Teil des Tages, ohne dass jeder Schluck zu einer Aufforderung oder Diskussion wird.
Eine zu geringe Flüssigkeitsaufnahme kann sich bei älteren Menschen sehr unterschiedlich bemerkbar machen. Müdigkeit, Schwäche, Schwindel, Konzentrationsprobleme, trockene Lippen, trockene Haut, Verstopfung, Kreislaufprobleme oder dunkler Urin können Hinweise sein. Auch zunehmende Gangunsicherheit oder plötzlich stärkere Verwirrtheit sollten aufmerksam beobachtet werden.
Gerade bei älteren Menschen ist es wichtig, Veränderungen immer im Zusammenhang zu betrachten. Wenn ein Mensch plötzlich deutlich verwirrter wirkt, ungewöhnlich schläfrig wird, erheblich schwächer erscheint oder häufiger stürzt, sollte nicht automatisch davon ausgegangen werden, dass sich beispielsweise eine Demenz verschlechtert hat.
Hinter solchen Veränderungen können sehr unterschiedliche Ursachen stehen. Ein Flüssigkeitsmangel kann eine davon sein, ebenso Infektionen, Schmerzen, Nebenwirkungen von Medikamenten oder andere Erkrankungen.
Deshalb gilt grundsätzlich: Verändert sich der Allgemeinzustand eines älteren Menschen plötzlich oder deutlich, sollte dies immer ärztlich abgeklärt werden.
Als allgemeine Orientierung werden häufig etwa 1,5 Liter Getränke pro Tag genannt. Dieser Wert darf jedoch nicht als starre Vorgabe für jeden älteren Menschen verstanden werden.
Der individuelle Flüssigkeitsbedarf hängt von vielen Faktoren ab. Körpergröße, Ernährung, Außentemperatur, körperliche Aktivität, Erkrankungen und Medikamente können eine Rolle spielen. Auch Lebensmittel wie Suppen, Obst, Gemüse oder andere wasserreiche Speisen tragen zur Flüssigkeitsaufnahme bei.
Besonders wichtig ist eine individuelle ärztliche Einschätzung bei Herz- oder Nierenerkrankungen. In solchen Situationen kann es medizinisch notwendig sein, die tägliche Flüssigkeitsmenge anzupassen. Auch bei der Einnahme entwässernder Medikamente oder anderen Erkrankungen sollte nicht einfach versucht werden, pauschal eine bestimmte Trinkmenge durchzusetzen.
Wenn Sie unsicher sind, welche Flüssigkeitsmenge für Ihren Angehörigen sinnvoll ist, besprechen Sie dies bitte mit dem behandelnden Arzt.
Manchmal liegt das Problem nicht im fehlenden Durst, sondern im Schlucken selbst.
Ein älterer Mensch beginnt vielleicht zu husten, sobald er trinkt. Er räuspert sich auffällig oft, verschluckt sich oder meidet Getränke zunehmend, weil das Trinken unangenehm oder beängstigend geworden ist. Solche Veränderungen sollten ernst genommen werden.
Bei Schluckstörungen können je nach Ursache und Ausprägung angepasste Konsistenzen hilfreich sein. Manchmal werden Getränke angedickt, weil sie dadurch langsamer fließen und kontrollierter geschluckt werden können. Welche Konsistenz geeignet ist, sollte jedoch niemals nach Gefühl entschieden werden.
Schluckstörungen gehören fachlich abgeklärt. Bitte beziehen Sie den behandelnden Arzt ein. Häufig kann zusätzlich eine logopädische Beurteilung sinnvoll sein, um festzustellen, welche Form des Trinkens für den jeweiligen Menschen sicher ist.
Gerade bei älteren Menschen ist es wichtig, eine Ablehnung von Getränken nicht vorschnell als mangelnde Bereitschaft zu verstehen. Vielleicht möchte der Mensch durchaus trinken, hat aber Angst vor dem Verschlucken oder empfindet den Schluckvorgang als unangenehm.
Im Alltag lohnt es sich, genau hinzusehen, was ein älterer Mensch gern trinkt und unter welchen Bedingungen es besser gelingt.
Manche Senioren trinken lieber aus der Tasse, die sie seit vielen Jahren benutzen. Andere bevorzugen warme Getränke statt kaltem Wasser. Wieder andere trinken häufiger, wenn ihnen kleine Mengen über den Tag verteilt angeboten werden, anstatt ein großes Glas vor sich stehen zu haben.
Auch der Geschmack kann sich verändern. Ein Getränk, das früher gern getrunken wurde, wird möglicherweise plötzlich abgelehnt. Dann kann es sinnvoll sein, verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren: Tee, verdünnte Säfte, Wasser mit etwas Geschmack oder andere Getränke, sofern aus medizinischer Sicht nichts dagegenspricht.
Wasserreiche Lebensmittel können ebenfalls einen Beitrag leisten. Suppen, Obst, Gemüse, Kompott oder andere Speisen mit hohem Flüssigkeitsanteil können gerade bei Menschen hilfreich sein, denen größere Getränkemengen schwerfallen.
Dabei sollten individuelle Erkrankungen und ärztliche Empfehlungen selbstverständlich berücksichtigt werden.
Viele ältere Menschen profitieren von festen Gewohnheiten. Das gilt besonders bei einer Demenzerkrankung.
Der Kaffee am Nachmittag, ein Tee am Abend oder ein Getränk zu jeder Mahlzeit geben dem Tag einen vertrauten Rhythmus. Trinken wird dadurch nicht ständig als gesundheitliche Pflicht präsentiert, sondern bleibt Teil eines normalen Alltags.
Auch gemeinsames Trinken kann helfen. Wenn Angehörige oder Betreuungskräfte sich selbst eine Tasse Tee einschenken und sich dazusetzen, entsteht eine völlig andere Situation, als wenn ein Glas hingestellt und mit der Aufforderung verbunden wird, es möglichst vollständig auszutrinken.
Gerade kleine gemeinsame Rituale können dazu beitragen, dass Trinken wieder etwas Selbstverständlicheres bekommt.
Ein Grund für geringe Flüssigkeitsaufnahme wird leicht übersehen: Manche ältere Menschen trinken bewusst weniger, weil sie anschließend häufiger zur Toilette müssen.
Wenn das Aufstehen schwerfällt, der Weg zur Toilette unsicher geworden ist oder Hilfe beim Toilettengang benötigt wird, kann jeder zusätzliche Gang als Belastung empfunden werden. Manche Senioren schränken ihre Trinkmenge deshalb ganz bewusst ein.
Auch Scham kann eine Rolle spielen. Wer bei Toilettengängen auf Hilfe angewiesen ist, versucht möglicherweise, diese Situationen so selten wie möglich entstehen zu lassen.
Hier hilft es wenig, ausschließlich mehr Trinken zu verlangen. Es muss gleichzeitig überlegt werden, wie Toilettengänge sicherer, einfacher und würdevoller gestaltet werden können. Manchmal helfen geeignete Hilfsmittel, veränderte Abläufe oder eine verlässlich erreichbare Unterstützung.
Wenn sich Toilettenverhalten, Harndrang oder Ausscheidungen deutlich verändern, sollte auch dies mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.
Nicht jede geringe Flüssigkeitsaufnahme hat ausschließlich körperliche Ursachen.
Manche ältere Menschen ziehen sich zunehmend zurück. Sie essen weniger, trinken weniger und verlieren das Interesse an Dingen, die ihnen früher Freude bereitet haben. Einsamkeit, Depressionen, Trauer oder eine allgemeine seelische Erschöpfung können dabei eine Rolle spielen.
Gerade wenn ein Mensch nicht nur weniger trinkt, sondern insgesamt deutlich passiver wirkt, kaum noch Interesse zeigt oder sich stark zurückzieht, sollte genauer hingeschaut werden.
Auch solche Veränderungen gehören ärztlich abgeklärt. Hinter ihnen können sowohl körperliche als auch psychische Ursachen stehen.
Für Angehörige ist es wichtig zu wissen, dass gutes Zureden allein in solchen Situationen möglicherweise nicht ausreicht. Der Mensch braucht dann nicht nur ein Glas Wasser, sondern möglicherweise weitergehende Unterstützung.
In der häuslichen Betreuung erleben wir immer wieder, wie wertvoll eine ruhige und aufmerksame Begleitung sein kann.
Wenn ein Mensch über den ganzen Tag begleitet wird, lässt sich viel besser erkennen, wann und wie viel tatsächlich getrunken wird. Vielleicht funktioniert es morgens sehr gut, während nachmittags kaum noch Interesse besteht. Vielleicht wird Tee zuverlässig getrunken, Wasser jedoch regelmäßig stehen gelassen. Vielleicht wird eine Tasse problemlos akzeptiert, während ein großes Glas überfordert.
Solche Beobachtungen können helfen, eine Lösung zu finden, die zum Menschen passt.
Dabei geht es nicht darum, einen älteren Menschen permanent zu überwachen. Es geht darum, aufmerksam genug zu sein, Veränderungen zu erkennen und gleichzeitig seine Würde und Selbstbestimmung zu respektieren.
Manchmal ist ein Trinkprotokoll hilfreich, besonders wenn Angehörige oder Ärzte einschätzen müssen, wie viel tatsächlich aufgenommen wird. Ob dies im jeweiligen Fall sinnvoll ist, kann mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.
Ein besonderer Blick ist notwendig, wenn sich ein Mensch in seiner letzten Lebensphase befindet.
Bei schwerkranken und sterbenden Menschen verändern sich Essen und Trinken häufig. Der Körper benötigt und verlangt oft weniger, und das nachlassende Bedürfnis nach Nahrung oder Flüssigkeit kann Teil des natürlichen Sterbeprozesses sein.
Für Angehörige ist das emotional sehr schwer auszuhalten. Essen und Trinken sind tief mit Fürsorge verbunden. Wer einen Menschen liebt, möchte ihm etwas geben, ihn stärken und verhindern, dass ihm etwas fehlt.
Gerade in dieser Situation sollte jedoch nicht ohne ärztliche oder palliativmedizinische Rücksprache versucht werden, bestimmte Trinkmengen zu erzwingen. Die Bedürfnisse eines Menschen am Lebensende müssen anders beurteilt werden als bei einem ansonsten stabilen Senior, der lediglich zu wenig trinkt.
Bitte beziehen Sie in dieser Situation den behandelnden Arzt, Palliativmediziner oder einen beteiligten Hospiz- beziehungsweise Palliativdienst ein. Gemeinsam kann beurteilt werden, was dem Menschen noch guttut und wie Mundtrockenheit, Unruhe oder andere Beschwerden möglichst angenehm gelindert werden können.
Wenn ein älterer Mensch dauerhaft nur sehr wenig trinkt, deutlich schwächer wird, ungewöhnlich müde oder schläfrig erscheint, plötzlich verwirrter wird, Schwindel entwickelt oder sich sein Allgemeinzustand merklich verändert, sollte immer der behandelnde Arzt einbezogen werden.
Das gilt ebenso bei häufigem Verschlucken, Husten beim Trinken, neu auftretenden Schluckbeschwerden, Fieber, auffälligen Veränderungen des Urins oder anderen Beschwerden.
Gerade im höheren Alter können sich gesundheitliche Veränderungen schnell auswirken. Gleichzeitig können sehr unterschiedliche Ursachen hinter denselben Symptomen stehen.
Deshalb sollte eine auffällige Veränderung nicht allein auf einen Flüssigkeitsmangel, eine Demenzerkrankung oder das Alter zurückgeführt werden. Eine ärztliche Abklärung ist wichtig.
Für Angehörige ist es schwer, ruhig zu bleiben, wenn sie wissen, dass ein geliebter Mensch vermutlich zu wenig trinkt. Die Sorge ist verständlich.
Trotzdem hilft es häufig mehr, aufmerksam zu beobachten und nach der Ursache zu suchen, als aus jedem Glas Wasser eine Auseinandersetzung werden zu lassen.
Warum trinkt dieser Mensch gerade nicht? Fehlt das Durstgefühl? Schmeckt das Getränk nicht mehr? Fällt das Schlucken schwer? Besteht Angst vor dem Toilettengang? Ist die Tasse ungewohnt? Ist der Mensch müde, überfordert oder vielleicht krank?
Je genauer diese Fragen beantwortet werden können, desto eher lässt sich eine Unterstützung finden, die nicht gegen den älteren Menschen arbeitet, sondern mit ihm.
Denn hinter dem Satz „Ich habe keinen Durst“ kann sehr viel mehr stehen als die bloße Ablehnung eines Getränks.
Und gerade deshalb braucht es im Umgang damit nicht nur Aufmerksamkeit, sondern Geduld, Respekt und manchmal auch den medizinischen Blick von außen.
Ihre Elke Hanak
Elkine-Seniorenbetreuung
Seit 25 Jahren begleite ich Senioren und pflegende Angehörige. In meinen Ratgebern möchte ich Zusammenhänge verständlich erklären und Familien dabei helfen, Veränderungen im Alltag aufmerksam wahrzunehmen, ohne den Menschen hinter einer Erkrankung oder einem Pflegebedarf aus dem Blick zu verlieren.