Ein Arzttermin beginnt für Angehörige oft schon lange vor dem eigentlichen Besuch. Es muss ein Termin vereinbart werden, vielleicht werden Überweisungen, Medikamentenplan und Unterlagen zusammengesucht, anschließend muss der Mensch mit Demenz davon überzeugt werden, sich anzuziehen und mitzukommen. Dann folgt die Fahrt, die Parkplatzsuche, das Wartezimmer, die Untersuchung und schließlich das Gespräch mit dem Arzt. Was für einen gesunden Menschen ein überschaubarer Ablauf ist, besteht für einen demenzkranken Menschen unter Umständen aus einer ganzen Reihe von Situationen, deren Zusammenhang er nicht mehr versteht. Genau deshalb kann ein Arztbesuch bei Demenz viel anstrengender sein, als es von außen aussieht.
Nach 25 Jahren in der häuslichen Seniorenbetreuung weiß ich, wie angespannt Angehörige vor solchen Terminen manchmal bereits am Morgen sind. Sie denken an alles, was funktionieren muss, und kennen gleichzeitig ihren Vater, ihre Mutter oder ihren Partner gut genug, um zu wissen, wie schnell eine Kleinigkeit den gesamten Ablauf verändern kann. Vielleicht weigert sich die Mutter plötzlich, das Haus zu verlassen. Vielleicht möchte der Vater im Wartezimmer nach zehn Minuten wieder nach Hause. Vielleicht beantwortet er beim Arzt jede Frage mit „Mir geht es hervorragend“, obwohl die Tochter seit Wochen beobachtet, dass er kaum noch isst oder nachts ständig aufsteht. Und manchmal geschieht genau das Gegenteil: Zu Hause ist der Mensch ruhig und vertraut, in der Praxis wird er plötzlich unruhig, misstrauisch oder abwehrend.
Das kann Angehörige enorm unter Druck setzen, weil sie nicht nur für die medizinischen Informationen verantwortlich sind, sondern gleichzeitig versuchen, den Erkrankten emotional durch eine Situation zu führen, die dieser vielleicht überhaupt nicht mehr richtig einordnen kann. Hinzu kommt die Sorge, vor anderen unangenehm aufzufallen. Wenn die Mutter laut widerspricht, der Vater aufstehen und gehen möchte oder ein Untersuchungsschritt verweigert wird, entsteht schnell das Gefühl, man müsse die Situation irgendwie „in den Griff bekommen“. Gerade dieser Druck kann jedoch dazu führen, dass alle Beteiligten noch angespannter werden.
Deshalb ist mein erster Gedanke bei einem Arztbesuch mit einem Menschen mit Demenz nicht: Wie bekommen wir den Termin möglichst reibungslos hinter uns? Viel wichtiger ist die Frage: Was braucht dieser Mensch, damit er sich in einer für ihn möglicherweise schwer verständlichen Situation möglichst sicher fühlen kann?
Menschen mit Demenz verlieren nicht nur Erinnerungen. Je nach Form und Stadium der Erkrankung können auch Orientierung, Sprachverständnis, Aufmerksamkeit, die Verarbeitung mehrerer Informationen gleichzeitig und die Fähigkeit beeinträchtigt sein, eine Situation logisch einzuordnen. Genau das macht einen Arztbesuch so anspruchsvoll. Der Mensch befindet sich plötzlich an einem fremden Ort, andere Menschen sprechen mit ihm, möglicherweise soll er Kleidung ablegen oder sich untersuchen lassen, und vieles geschieht schneller, als er es verarbeiten kann.
Für Angehörige ist vollkommen klar, warum man hier ist. Die Mutter hat seit einigen Tagen Schmerzen, der Blutdruck muss kontrolliert werden oder ein Medikament soll überprüft werden. Für die Mutter selbst kann die Situation ganz anders aussehen. Vielleicht weiß sie wenige Minuten nach der Ankunft nicht mehr, weshalb sie in diesem Raum sitzt. Dann kommt ein fremder Mensch herein, stellt viele Fragen und möchte sie anfassen. Wenn sie darauf mit „Nein“, „Ich will nach Hause“ oder sogar mit heftiger Abwehr reagiert, muss das nicht bedeuten, dass sie den Arzt bewusst ablehnt. Vielleicht schützt sie sich vor einer Situation, die sie nicht versteht.
Genau dieser Perspektivwechsel ist für Angehörige wichtig. Wer Widerstand sofort als Sturheit erlebt, gerät leichter in eine Auseinandersetzung. Wer dagegen überlegt, was der Erkrankte in diesem Moment wahrnimmt, kann häufig ruhiger reagieren. Das bedeutet nicht, dass jede notwendige Untersuchung einfach aufgegeben werden soll. Es bedeutet vielmehr, dass wir berücksichtigen müssen, dass Kooperation bei Demenz oft erst entsteht, wenn genügend Sicherheit vorhanden ist.
Dabei kann schon die Art der Ansprache einen großen Unterschied machen. Ein Arzt oder eine medizinische Fachkraft, die sich von vorn nähert, Blickkontakt aufnimmt, sich kurz vorstellt und nur einen Schritt nach dem anderen erklärt, kann einen Menschen mit Demenz ganz anders erreichen als jemand, der gleichzeitig Fragen stellt, am Blutdruckmessgerät hantiert und bereits die Kleidung hochschiebt. Für einen gesunden Menschen ist das Routine. Für einen Menschen, der Informationen langsamer verarbeitet, können drei gleichzeitige Anforderungen bereits zu viel sein.
Ich halte es deshalb für ausgesprochen wichtig, dass Angehörige nicht nur den Erkrankten auf den Arztbesuch vorbereiten, sondern auch die Praxis auf den Erkrankten.
Wenn eine Demenz bekannt ist, würde ich die Praxis bereits bei der Terminvereinbarung darüber informieren. Das ist keine unnötige Zusatzinformation. Eine Praxis, die weiß, dass ein Mensch mit Demenz kommt, kann sich im besten Fall darauf einstellen. Vielleicht lässt sich ein Termin zu einer ruhigeren Zeit vergeben, vielleicht kann eine längere Wartezeit vermieden werden oder das Team weiß bereits, dass Informationen zusätzlich mit der Begleitperson besprochen werden müssen.
Beim Zeitpunkt würde ich allerdings niemals pauschal sagen, jeder Mensch mit Demenz müsse morgens zum Arzt. Viele Menschen sind vormittags tatsächlich belastbarer, andere brauchen morgens lange, bis sie orientiert und körperlich bereit sind. Manche werden am späteren Nachmittag deutlich unruhiger, während andere gerade dann am besten zurechtkommen. Der beste Termin liegt deshalb möglichst in der Tageszeit, in der dieser konkrete Mensch erfahrungsgemäß am stabilsten ist.
Genau hier hilft das Wissen der Angehörigen mehr als jede allgemeine Regel. Wenn Sie wissen, dass Ihre Mutter zwischen neun und elf Uhr meist aufmerksam und ausgeglichen ist, sollte man versuchen, diese Zeit zu nutzen. Wenn Ihr Vater morgens unter großem Zeitdruck sofort unruhig wird, ist ein Termin um acht Uhr vielleicht keine gute Idee, selbst wenn „vormittags“ grundsätzlich empfohlen wird.
Außerdem sollte vor dem Termin möglichst klar sein, worum es medizinisch eigentlich geht. Gerade bei älteren Menschen bestehen häufig mehrere Beschwerden gleichzeitig, und ein Arzttermin kann schnell unübersichtlich werden. Ich finde es hilfreich, die wichtigsten Beobachtungen vorher kurz aufzuschreiben: Seit wann besteht die Veränderung? Was genau wurde beobachtet? Tritt sie immer oder nur zu bestimmten Zeiten auf? Hat sich Schlaf, Essen, Trinken, Ausscheidung, Mobilität oder Verhalten verändert? Gab es Stürze? Wurden Medikamente verändert? Gibt es neue Schmerzen, Unruhe oder außergewöhnliche Müdigkeit?
Eine solche Vorbereitung entlastet auch den Angehörigen. Im Behandlungszimmer passiert oft viel auf einmal, und unter Zeitdruck vergisst man schnell genau die Information, wegen der man eigentlich gekommen ist. Ein kurzer, sachlicher Zettel kann deshalb sehr wertvoll sein.
Bei einer bestehenden Medikamenteneinnahme sollte ein aktueller Medikamentenplan mitgenommen werden. Das klingt selbstverständlich, ist es aber im Alltag nicht immer. Wichtig sind nicht nur verschreibungspflichtige Medikamente, sondern auch frei verkäufliche Präparate, Tropfen, Schlafmittel, pflanzliche Mittel oder Nahrungsergänzungen, soweit sie regelmäßig eingenommen werden. Gerade bei älteren Menschen können Veränderungen des Verhaltens, Gleichgewichtsstörungen, Müdigkeit oder Verwirrtheit auch mit Medikamenten oder Wechselwirkungen zusammenhängen. Deshalb sollte der Arzt möglichst vollständig wissen, was tatsächlich eingenommen wird.
Hier gibt es keine Antwort, die für jeden Menschen passt. Manche Angehörige kündigen einen Arzttermin mehrere Tage vorher an und erleben dann, dass die Mutter jeden Tag erneut Angst davor bekommt. Sie vergisst den Inhalt, aber die Unruhe bleibt. Andere Menschen fühlen sich überrumpelt, wenn sie erst unmittelbar vorher erfahren, dass sie das Haus verlassen sollen. Entscheidend ist deshalb, wie der einzelne Mensch Informationen verarbeitet.
Ich würde so viel erklären, wie für Orientierung und Vertrauen notwendig ist, aber nicht mehr, als der Mensch in diesem Moment sinnvoll verarbeiten kann. Eine lange medizinische Begründung hilft selten, wenn bereits die erste Hälfte des Satzes wieder verloren geht. Gleichzeitig halte ich nichts davon, einen Menschen grundsätzlich mit erfundenen Geschichten zum Arzt zu bringen. Wenn eine kurze, ehrliche Information möglich ist, sollte man sie nutzen. Ein Satz wie „Wir fahren gleich zu Dr. Müller, weil wir deine Schmerzen anschauen lassen möchten“ kann vollkommen ausreichen.
Bei Menschen, die durch eine frühe Ankündigung über Stunden in Angst geraten, kann es sinnvoll sein, den Termin erst näher am Aufbruch anzusprechen. Das ist keine Missachtung des Menschen, sondern eine Anpassung an seine Fähigkeit, zukünftige Ereignisse zeitlich einzuordnen. Wichtig ist, dass aus Vereinfachung keine unnötige Täuschung wird. Vertrauen ist gerade bei Demenz kostbar, und Angehörige sollten sehr vorsichtig damit umgehen.
Auch die Wortwahl spielt eine Rolle. Manche Menschen reagieren auf „Arzt“ sofort ängstlich, weil sie damit Krankenhäuser, Schmerzen oder frühere schlechte Erfahrungen verbinden. Dann kann es helfen, sachlich und ruhig zu sagen, dass etwas kontrolliert oder angeschaut werden soll, ohne die Situation größer zu machen, als sie ist. Entscheidend ist weniger die perfekte Formulierung als die Atmosphäre, in der sie gesprochen wird.
Eine besonders schwierige Situation entsteht im Behandlungszimmer. Der Arzt braucht Informationen, aber der Mensch mit Demenz soll gleichzeitig als erwachsener Mensch ernst genommen werden. Angehörige geraten dann leicht in die Rolle, über den Erkrankten zu sprechen, obwohl er direkt daneben sitzt. Das geschieht meist nicht aus Respektlosigkeit. Man möchte Zeit sparen und weiß, dass manche Angaben nicht zuverlässig sind. Trotzdem kann es für einen Menschen sehr entwürdigend sein, wenn über seinen Kopf hinweg gesprochen wird, als sei er gar nicht mehr anwesend.
Ich würde deshalb versuchen, den Erkrankten so weit wie möglich einzubeziehen. Der Arzt kann zunächst direkt mit ihm sprechen, ihm Zeit für eine Antwort geben und anschließend ergänzende Informationen beim Angehörigen erfragen. Wenn der Vater sagt, er schlafe wunderbar, obwohl die Tochter jede Nacht mehrmals aufsteht, muss sie ihn nicht vor dem Arzt korrigieren mit „Das stimmt doch überhaupt nicht“. Sie kann stattdessen ruhig ergänzen, dass sie in den vergangenen zwei Wochen mehrfach nächtliche Unruhe beobachtet hat.
Das klingt nach einem kleinen sprachlichen Unterschied, kann aber die Würde des Menschen schützen. Ein Mensch mit Demenz muss nicht ständig öffentlich erleben, dass seine Wahrnehmung als falsch entlarvt wird.
Manchmal gibt es Informationen, die Angehörige ungern in Anwesenheit des Erkrankten besprechen möchten, weil sie ihn beschämen, verunsichern oder zu einem Konflikt führen würden. Veränderungen bei Inkontinenz, aggressivem Verhalten, nächtlichem Umherwandern oder intimen Problemen gehören für manche Familien dazu. Solche Informationen können nach Absprache vorab schriftlich an die Praxis gegeben oder in einem kurzen separaten Gespräch ergänzt werden. Dabei sollten Datenschutz und Schweigepflicht selbstverständlich beachtet werden, und auch bei Demenz ist nicht automatisch jede medizinische Information frei verfügbar. Welche Person Auskünfte erhalten und Entscheidungen mittragen darf, hängt von der konkreten rechtlichen und medizinischen Situation ab.
Angehörige sollten deshalb wichtige Vollmachten oder vorhandene relevante Unterlagen zum Termin mitnehmen, wenn absehbar ist, dass Fragen zur Einwilligung oder Vertretung entstehen könnten. Eine Demenzdiagnose bedeutet nämlich nicht automatisch, dass ein Mensch überhaupt nichts mehr selbst entscheiden kann. Entscheidungsfähigkeit kann je nach konkreter Frage und Erkrankungsstadium unterschiedlich sein. Ein guter Umgang nimmt deshalb ernst, was der Mensch noch verstehen und selbst entscheiden kann, statt ihm vorschnell jede Mitwirkung abzunehmen.
Wartezeit ist für viele Menschen unangenehm. Für jemanden mit Demenz kann sie besonders belastend sein, weil ihm möglicherweise nicht klar ist, weshalb er warten soll und wie lange. Fünfzehn Minuten können dann sehr lang werden. Immer wieder dieselbe Erklärung zu hören, dass der Arzt gleich komme, hilft nicht unbedingt, wenn diese Information wenige Minuten später wieder verloren ist.
Wenn es möglich ist, würde ich die Wartezeit so ruhig und vorhersehbar wie möglich gestalten. Ein vertrauter Begleiter sollte beim Erkrankten bleiben, und je nach Mensch kann etwas Vertrautes helfen, etwa eine Tasche, ein kleines Getränk, ein bekanntes Magazin oder einfach ein ruhiges Gespräch. Dabei muss niemand ein Unterhaltungsprogramm veranstalten. Manchmal ist gerade weniger besser.
Wichtig ist auch, körperliche Bedürfnisse nicht zu übersehen. Muss der Mensch zur Toilette? Hat er Durst? Sitzt er unbequem? Ist ihm zu warm oder zu kalt? Gerade ein Mensch mit Demenz kann Unwohlsein nicht immer klar benennen und reagiert dann vielleicht mit Unruhe, obwohl der eigentliche Auslöser sehr einfach wäre.
Wenn die Wartezeit unerwartet lang wird und man bereits merkt, dass die Belastbarkeit nachlässt, darf man in der Praxis freundlich darauf hinweisen. Angehörige müssen nicht still warten, bis eine Situation vollständig eskaliert. Viele Praxisteams reagieren verständnisvoller, wenn sie wissen, warum eine lange Wartezeit problematisch wird.
Blutdruck messen, Blut abnehmen, den Bauch untersuchen oder mit einem Stethoskop abhören gehören für medizinisches Personal zur Routine. Für einen Menschen mit Demenz können diese Handlungen fremd oder bedrohlich wirken. Besonders problematisch wird es, wenn mehrere Menschen gleichzeitig Anweisungen geben oder wenn eine Untersuchung ohne erkennbare Vorbereitung beginnt.
Ein ruhiges Ankündigen des nächsten Schrittes kann helfen. Dabei sollte die Erklärung einfach und konkret bleiben. Statt einer langen medizinischen Beschreibung reicht häufig ein Satz wie: „Der Arzt hört jetzt einmal Ihr Herz ab.“ Anschließend sollte möglichst Zeit bleiben, damit der Mensch die Information aufnehmen kann.
Auch Angehörige sollten darauf achten, nicht gleichzeitig mit dem Arzt zu sprechen und den Erkrankten zusätzlich zu beruhigen. Zu viele Stimmen können die Situation schwieriger machen. Manchmal ist es hilfreicher, dass eine Person führt und die andere einfach ruhig anwesend bleibt.
Berührung sollte möglichst von vorn angekündigt werden. Wenn der Mensch erschrickt oder abwehrt, lohnt sich ein kurzer Moment des Wartens. Nicht jede Untersuchung muss in derselben Sekunde fortgesetzt werden. Ein Arzt, der zunächst ein paar Worte wechselt und dem Patienten etwas Zeit gibt, erreicht unter Umständen sehr viel mehr als durch körperlichen Nachdruck.
Natürlich gibt es medizinische Situationen, in denen eine Untersuchung nicht beliebig verschoben werden kann. Gerade dann ist aber eine ruhige, klare Zusammenarbeit zwischen Arzt, Angehörigem und Patient besonders wichtig.
Eine Situation bringt Angehörige manchmal beinahe zur Verzweiflung: Zu Hause bestehen erhebliche Probleme, beim Arzt sitzt dann plötzlich ein freundlich lächelnder Mensch, der erklärt, es sei alles bestens. Die Tochter hat vielleicht seit Wochen Mühe mit Essen, Medikamenten oder nächtlicher Unruhe, und der Vater sagt auf die Frage des Arztes: „Mir geht es ausgezeichnet, ich mache alles selbst.“
Angehörige fühlen sich in solchen Momenten manchmal regelrecht entwertet. Sie haben tagelang dokumentiert, kaum geschlafen und endlich diesen Termin organisiert, und plötzlich sieht es so aus, als hätten sie übertrieben.
Das muss nicht bedeuten, dass der Mensch bewusst täuscht. Manche Menschen mit Demenz können ihre Einschränkungen nicht zuverlässig wahrnehmen. Andere greifen auf alte soziale Antworten zurück, die jahrzehntelang selbstverständlich waren. Auf „Wie geht es Ihnen?“ antwortet man eben mit „Gut“. Manche mobilisieren in einer ungewohnten Situation kurzfristig erstaunlich viele Fähigkeiten und wirken für begrenzte Zeit wesentlich stabiler als im häuslichen Alltag.
Genau deshalb sind konkrete Beobachtungen der Angehörigen so wichtig. „Er ist immer verwirrt“ hilft einem Arzt weniger als die Information, dass der Vater in der vergangenen Woche an vier Nächten zwischen zwei und vier Uhr aufgestanden ist und zweimal versucht hat, die Wohnung zu verlassen. „Sie isst schlecht“ ist weniger aussagekräftig als die Beobachtung, dass die Mutter seit drei Wochen ungefähr die Hälfte ihrer üblichen Menge isst und zwei Kilogramm Gewicht verloren hat.
Konkretheit schützt auch die Beziehung. Man muss nicht mit dem Erkrankten darüber streiten, wessen Darstellung stimmt. Man kann beide Perspektiven nebeneinanderstellen und dem Arzt ermöglichen, sich ein vollständigeres Bild zu machen.
Dieser Punkt ist mir besonders wichtig. Wenn ein Mensch bereits eine Demenzdiagnose hat, besteht die Gefahr, dass neue Beschwerden zu schnell mit der Erkrankung erklärt werden. Plötzlich stärkere Verwirrtheit, ungewöhnliche Müdigkeit, neue Aggressivität, Rückzug oder eine deutliche Verschlechterung der Orientierung können jedoch andere Ursachen haben.
Schmerzen, Infektionen, Flüssigkeitsmangel, Verstopfung, Harnwegsbeschwerden, Stoffwechselveränderungen, Seh- und Hörprobleme oder Medikamente können Verhalten und geistige Leistungsfähigkeit deutlich beeinflussen. Gerade ein akut aufgetretener Verwirrtheitszustand, ein sogenanntes Delir, muss von einer langsam fortschreitenden Demenz unterschieden werden und gehört medizinisch abgeklärt.
Angehörige kennen den Menschen oft besser als jeder andere und bemerken Veränderungen früher. Wenn eine Tochter sagt: „Meine Mutter ist seit gestern völlig anders als sonst“, sollte diese Beobachtung ernst genommen werden, selbst wenn die Mutter beim Arzt in diesem Moment ruhig erscheint.
Ich würde Angehörigen deshalb empfehlen, bei einem Arzttermin nicht nur zu berichten, was schwierig geworden ist, sondern auch, wie schnell sich die Veränderung entwickelt hat. Eine Verschlechterung über Jahre ist etwas anderes als eine massive Veränderung innerhalb von zwei Tagen. Diese zeitliche Einordnung kann für die medizinische Beurteilung sehr wichtig sein.
Menschen mit Demenz können Schmerzen haben, ohne sie zuverlässig zu benennen. Manche sagen trotz offensichtlicher Beschwerden, ihnen tue nichts weh. Andere werden unruhig, gereizt oder ziehen sich zurück. Deshalb sollte ein Arztbesuch auch dann körperliche Ursachen mitdenken, wenn das eigentliche Problem zunächst wie eine Verhaltensveränderung aussieht.
Angehörige können hier wertvolle Beobachtungen liefern. Verzieht der Mensch beim Aufstehen das Gesicht? Vermeidet er plötzlich bestimmte Bewegungen? Isst er auf einer Seite des Mundes? Schützt er einen Arm oder möchte nicht mehr laufen? Wird er beim Waschen einer bestimmten Körperstelle aggressiv? Solche Veränderungen können Hinweise auf Schmerzen sein, die der Erkrankte selbst nicht mehr in Worte fassen kann.
Gerade deshalb finde ich den Satz „Das ist eben die Demenz“ manchmal gefährlich. Demenz erklärt viel, aber nicht alles. Ein Mensch mit Demenz kann genauso Zahnschmerzen, eine Blasenentzündung, Arthrose, eine Verletzung oder andere Erkrankungen bekommen wie jeder andere Mensch. Der Unterschied ist lediglich, dass er sie möglicherweise anders zeigt.
Ein Arztbesuch kann äußerlich vollkommen ruhig verlaufen und trotzdem eine große innere Anstrengung gewesen sein. Der Mensch musste sich orientieren, fremde Personen wahrnehmen, Fragen beantworten, körperliche Untersuchungen zulassen und anschließend wieder zurück nach Hause finden. Gerade bei fortgeschrittener Demenz kann diese Menge an Reizen erschöpfen.
Deshalb würde ich nach Möglichkeit nicht noch mehrere weitere Erledigungen an denselben Termin hängen. Für einen gesunden Angehörigen scheint es praktisch, auf dem Rückweg noch zur Apotheke, zum Supermarkt und vielleicht gleich zum Friseur zu fahren. Für einen Menschen mit Demenz können diese zusätzlichen Wechsel zu viel sein. Wenn es organisatorisch möglich ist, darf nach einem anspruchsvollen Arztbesuch wieder Vertrautheit einkehren.
Zu Hause hilft oft der normale Tagesrhythmus mehr als eine ausführliche Nachbesprechung. Ein vertrauter Platz, etwas zu trinken, eine bekannte Mahlzeit oder einfach Ruhe können genügen. Wenn der Mensch den Arztbesuch kurze Zeit später vergessen hat, muss er nicht noch mehrfach daran erinnert werden, dass heute etwas Besonderes war.
Für Angehörige sieht es anders aus. Sie sollten möglichst festhalten, was besprochen wurde, welche Untersuchungen geplant sind, ob Medikamente verändert wurden und wann eine Kontrolle stattfinden soll. Gerade nach anstrengenden Terminen verschwimmen Informationen schnell. Wenn etwas unklar geblieben ist, darf in der Praxis nachgefragt werden. Eine Medikamentenumstellung sollte nicht auf einer Erinnerung beruhen, bei der niemand mehr sicher weiß, ob morgens eine halbe oder eine ganze Tablette gemeint war.
Es gibt Menschen mit Demenz, bei denen ein Praxisbesuch trotz guter Vorbereitung kaum noch möglich ist. Vielleicht lässt sich der Betroffene nicht mehr in ein Auto setzen, verlässt die Praxis wieder oder reagiert auf Untersuchungen sehr heftig. Angehörige sollten dann nicht automatisch glauben, sie hätten versagt.
Manchmal muss gemeinsam mit dem behandelnden Arzt über andere Möglichkeiten gesprochen werden. Je nach medizinischer Fragestellung und den örtlichen Möglichkeiten kann ein Hausbesuch infrage kommen. Manche Anliegen lassen sich vorbereitend telefonisch klären, andere benötigen selbstverständlich eine persönliche Untersuchung. Auch Videosprechstunden können für bestimmte Fragestellungen eine Ergänzung sein, ersetzen aber keine körperliche Untersuchung, wenn diese medizinisch notwendig ist.
Wichtig ist mir dabei, dass die Angst vor einem schwierigen Arztbesuch nicht dazu führt, notwendige medizinische Versorgung immer weiter aufzuschieben. Gerade weil ein Termin anstrengend ist, besteht die Versuchung, noch ein paar Tage zu warten. Bei neuen oder deutlichen Beschwerden muss jedoch medizinisch entschieden werden, wie dringend eine Untersuchung erforderlich ist.
Bei akuten Warnzeichen sollte nicht versucht werden, einen normalen Praxisbesuch irgendwie zu organisieren. Plötzliche Lähmungen, Sprachstörungen, starke Atemnot, Bewusstseinsstörungen, schwere Verletzungen, starke Brustschmerzen oder andere akut bedrohliche Symptome gehören unverzüglich in die entsprechende medizinische Notfallversorgung.
Ich glaube, eines der größten Probleme rund um Arzttermine bei Demenz ist die Erwartung, der Angehörige müsse gleichzeitig Chauffeur, Gedächtnis, Beruhigungsperson, medizinischer Berichterstatter und Organisator sein und dabei selbst möglichst entspannt wirken. Das ist sehr viel verlangt.
Wenn Sie vor einem Termin bereits angespannt sind, bedeutet das nicht, dass Sie ungeeignet sind, Ihren Angehörigen zu begleiten. Vielleicht wissen Sie schlicht sehr genau, wie schwierig solche Termine werden können. Genau deshalb darf man sich die Situation so einfach wie möglich machen. Legen Sie die Unterlagen am Vorabend bereit, schreiben Sie die wichtigsten Fragen auf, planen Sie ausreichend Zeit ein und überlegen Sie, ob eine zweite vertraute Person sinnvoll wäre. Wenn Sie selbst fahren und gleichzeitig einen sehr unruhigen Menschen begleiten müssen, kann eine zusätzliche Person bereits auf der Fahrt entlasten.
Es ist außerdem völlig legitim, einer Arztpraxis freundlich mitzuteilen, was den Umgang erleichtert. Angehörige kennen häufig Dinge, die medizinisches Personal nicht wissen kann. Vielleicht erschrickt der Vater, wenn man ihn von hinten berührt. Vielleicht versteht die Mutter kurze Sätze deutlich besser als mehrere Fragen hintereinander. Vielleicht reagiert sie auf ihren Vornamen besonders gut. Solche Hinweise sind keine Einmischung, sondern können eine Untersuchung erleichtern.
Genauso wichtig ist allerdings, dass Angehörige nicht jede Reaktion des Erkrankten verhindern müssen. Wenn die Mutter eine Frage dreimal stellt oder der Vater sagt, er wolle nach Hause, ist das nicht peinlich. Demenz ist eine Erkrankung, und ein Mensch muss sich in einer Arztpraxis nicht so verhalten, als hätte er sie nicht.
Wenn eine Tochter mir erzählen würde, dass sie vor jedem Arzttermin mit ihrer Mutter schon Tage vorher Bauchschmerzen bekommt, würde ich ihr zunächst nicht zehn Verhaltenstipps aufzählen. Ich würde wissen wollen, was beim letzten Mal eigentlich passiert ist. War es die lange Wartezeit? Die Fahrt? Das Ausziehen? Hat die Mutter Angst vor Blutabnahmen? War der Termin zu einer Tageszeit, in der sie ohnehin häufig unruhig wird? Hat die Tochter versucht, alles möglichst schnell zu erledigen, weil sie selbst unter Zeitdruck stand?
Oft findet man genau dort die Stelle, an der sich etwas verändern lässt. Vielleicht braucht der nächste Termin eine andere Uhrzeit. Vielleicht sollte die Praxis vorher informiert werden. Vielleicht hilft eine zweite Begleitperson. Vielleicht sollte die Mutter nicht zwei Tage vorher mehrfach an den Termin erinnert werden, weil sie dadurch immer wieder neu Angst entwickelt. Oder vielleicht war die Reaktion so ungewöhnlich stark, dass man gerade deshalb medizinisch genauer hinschauen muss.
Was ich Angehörigen auf keinen Fall vermitteln möchte, ist die Vorstellung, ein guter Arztbesuch bei Demenz sei einer, bei dem der Erkrankte still, freundlich und vollkommen kooperativ bleibt. Das ist ein völlig falscher Maßstab. Ein guter Termin ist für mich einer, bei dem die notwendige medizinische Frage so gut wie möglich geklärt wird und der Mensch dabei trotz seiner Einschränkungen respektvoll behandelt wird. Manchmal gehört dazu auch, eine Untersuchung zu unterbrechen, etwas später noch einmal zu versuchen oder gemeinsam eine andere Lösung zu finden.
Gerade im Umgang mit Menschen mit Demenz zeigt sich gute Medizin für mich nicht nur darin, welche Untersuchung durchgeführt wird, sondern auch darin, wie mit dem Menschen währenddessen gesprochen wird. Eine Demenzdiagnose nimmt niemandem seine Würde. Der Patient sollte weiterhin angesprochen, einbezogen und ernst genommen werden, auch wenn der Angehörige viele Informationen ergänzen muss.
Nach 25 Jahren mit Senioren und ihren Familien habe ich außerdem gelernt, wie wertvoll Angehörige für eine gute medizinische Versorgung sein können. Sie kennen die gewöhnliche Persönlichkeit, wissen, was „normal“ für diesen Menschen ist, und bemerken oft als Erste, wenn etwas nicht stimmt. Gleichzeitig dürfen sie sich aber auch eingestehen, dass diese Rolle anstrengend ist. Wer einen Menschen mit Demenz zu einem Arzttermin begleitet, trägt häufig sehr viel mehr als nur eine Handtasche mit Versichertenkarte und Medikamentenplan. Er trägt Verantwortung, Informationen, die Sorge um die Untersuchung und gleichzeitig die Aufgabe, einem verunsicherten Menschen Halt zu geben.
Gerade deshalb sollte ein Arztbesuch nicht als Prüfung betrachtet werden, bei der Angehörige beweisen müssen, dass sie ihren demenzkranken Partner oder Elternteil „im Griff“ haben. Der Mensch vor ihnen hat eine Erkrankung, die Orientierung und Verhalten verändern kann. Wenn er unruhig wird, sich wiederholt oder eine Untersuchung zunächst ablehnt, ist das keine schlechte Erziehung und kein Versagen der Familie.
Viel hilfreicher ist es, den Termin gemeinsam um die vorhandenen Fähigkeiten herum zu gestalten. Wenn ein Mensch kurze Informationen besser versteht, sprechen wir kurz. Wenn er morgens belastbarer ist, versuchen wir einen frühen Termin zu bekommen. Wenn Wartezeiten schwierig werden, informieren wir die Praxis. Wenn er Schmerzen nicht benennen kann, beobachten wir seinen Körper. Wenn eine Erklärung nicht ankommt, wiederholen wir nicht immer lauter dieselben Worte, sondern suchen einen anderen Zugang. Und wenn ein Angehöriger merkt, dass er mit all dem zunehmend überfordert ist, darf auch er sich Unterstützung holen.
Für mich liegt genau darin eine gute Begleitung: nicht zu erwarten, dass sich ein Mensch mit Demenz an einen perfekt organisierten Arztbetrieb anpasst, sondern dort, wo es möglich ist, den Ablauf ein Stück weit an diesen Menschen anzupassen. Das nimmt der Medizin nichts von ihrer notwendigen Klarheit. Es macht sie nur menschlicher.
Und manchmal verändert genau das einen Arzttermin entscheidend. Nicht die perfekte Vorbereitung und nicht der eine richtige Satz, sondern das Gefühl des Erkrankten, dass jemand neben ihm ist, der ihn kennt, ihn nicht bloßstellt und ihm auch dann Sicherheit gibt, wenn er selbst gerade nicht mehr versteht, warum er überhaupt hier sitzt. Für Angehörige bedeutet das nicht, jede schwierige Situation verhindern zu müssen. Es bedeutet, aufmerksam zu begleiten, wichtige Veränderungen mitzuteilen und zugleich zu akzeptieren, dass Demenz auch in einer Arztpraxis Demenz bleibt.
Ihre Elke Hanak
Elkine-Seniorenbetreuung – Ihr vertrauensvoller Partner für die häusliche 24 Stunden Seniorenbetreuung
Wichtiger medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und Orientierung und ersetzt keine ärztliche, neurologische, psychiatrische oder sonstige medizinische Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Neue oder deutlich zunehmende Verwirrtheit, ausgeprägte Schläfrigkeit, starke Unruhe, Verhaltensveränderungen, Schmerzen, Stürze, Veränderungen der Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme oder andere auffällige Beschwerden sollten ärztlich abgeklärt und nicht automatisch einer bestehenden Demenz zugeschrieben werden. Bei plötzlich auftretenden schweren Beschwerden oder möglichen medizinischen Notfällen ist unverzüglich die entsprechende medizinische Notfallversorgung einzuschalten. Medikamente sollten niemals eigenständig begonnen, verändert oder abgesetzt werden.