Über Mundhygiene wird erstaunlich wenig gesprochen, obwohl sie einen viel größeren Einfluss auf den Alltag eines älteren Menschen haben kann, als man zunächst vermutet. Solange Essen, Trinken, Sprechen und Schlucken selbstverständlich funktionieren, denken wir kaum darüber nach, welche Bedeutung ein gesunder Mundraum für unser Wohlbefinden hat. Erst wenn etwas unangenehm wird, Schmerzen verursacht oder nicht mehr so funktioniert wie früher, verändert sich plötzlich vieles gleichzeitig. Ein Mensch isst langsamer, lässt bestimmte Speisen stehen, trinkt weniger, spricht zurückhaltender oder beginnt vielleicht sogar, gemeinsame Mahlzeiten zu meiden. Für Angehörige wirkt das manchmal wie eine Laune, wie nachlassender Appetit oder einfach wie eine weitere Alterserscheinung. Tatsächlich kann dahinter ein ganz konkretes Problem im Mundraum stehen.
Gerade bei älteren Menschen lohnt es sich deshalb, Veränderungen nicht nur zu registrieren, sondern sie miteinander in Verbindung zu bringen. Wenn jemand früher gern Brot mit kräftiger Kruste gegessen hat und plötzlich nur noch weiche Speisen möchte, wenn Fleisch immer häufiger auf dem Teller bleibt oder ein Apfel nicht mehr angerührt wird, dann ist die erste Erklärung nicht automatisch, dass sich der Geschmack verändert hat. Vielleicht schmerzt ein Zahn, vielleicht sitzt der Zahnersatz nicht mehr richtig, vielleicht ist die Mundschleimhaut empfindlich geworden oder der Mund so trocken, dass trockene Nahrung kaum noch angenehm gekaut und geschluckt werden kann. Genau diese scheinbar kleinen Beobachtungen sind in der häuslichen Betreuung oft wertvoll, weil der ältere Mensch selbst nicht immer deutlich sagt, was ihn stört.
Nach 25 Jahren in der Seniorenbetreuung habe ich immer wieder erlebt, dass ältere Menschen Beschwerden erstaunlich lange hinnehmen. Manche möchten niemanden belasten, andere halten Schmerzen irgendwann für etwas, das im Alter eben dazugehört. Wieder andere können ihre Beschwerden aufgrund einer Demenz nicht mehr eindeutig beschreiben. Dann hört man vielleicht nicht den Satz: „Meine Prothese drückt“, sondern sieht nur, dass sie immer häufiger aus dem Mund genommen wird. Ein Mensch sagt nicht: „Das Kauen tut mir weh“, sondern schiebt das Fleisch zur Seite. Ein anderer kann eine entzündete Stelle nicht benennen, wird aber bei der Mundpflege plötzlich unruhig oder wehrt die Zahnbürste ab. Wer solche Veränderungen nur als Verhalten betrachtet, übersieht unter Umständen ihre Ursache. Wer dagegen versucht zu verstehen, was sich verändert haben könnte, kommt häufig einen wichtigen Schritt weiter.
Ein trockener Mund gehört zu den Beschwerden, die ältere Menschen besonders häufig belasten können. Dabei ist wichtig zu wissen, dass nicht allein das Lebensalter verantwortlich sein muss. Gerade Medikamente, bestimmte Erkrankungen, eine zu geringe Flüssigkeitsaufnahme oder andere gesundheitliche Faktoren können die Speichelproduktion oder das Mundgefühl beeinflussen. Viele ältere Menschen nehmen mehrere Medikamente gleichzeitig ein, und einige davon können Mundtrockenheit begünstigen. Deshalb sollte eine ausgeprägte oder neu auftretende Mundtrockenheit nicht einfach mit dem Satz abgetan werden, das sei im Alter eben so.
Speichel erfüllt nämlich weit mehr Aufgaben, als den Mund lediglich feucht zu halten. Er erleichtert das Kauen und Schlucken, macht Nahrung gleitfähiger, unterstützt die Geschmackswahrnehmung und trägt dazu bei, Zähne und Schleimhäute zu schützen. Fehlt ausreichend Speichel, kann selbst ein eigentlich einfaches Essen anstrengend werden. Trockenes Brot klebt am Gaumen, Kekse oder Gebäck lassen sich nur schwer herunterbekommen, die Zunge kann brennen und längeres Sprechen unangenehm werden. Manche Menschen benötigen bei jedem Bissen einen Schluck Flüssigkeit, andere reduzieren unbewusst ihre Nahrungsaufnahme, weil Essen seine Selbstverständlichkeit verloren hat.
Für Angehörige und Betreuungskräfte ist es deshalb sinnvoll, auf solche Veränderungen zu achten. Trinkt ein Senior plötzlich bei jedem Bissen? Meidet er trockene Speisen? Klagt er über Brennen im Mund oder klebrigen Speichel? Muss er nachts häufig trinken? Solche Beobachtungen können Anlass sein, die Situation ärztlich oder zahnärztlich abklären zu lassen. Medikamente sollten dabei niemals eigenständig verändert oder abgesetzt werden, selbst wenn der Verdacht besteht, dass sie die Mundtrockenheit begünstigen. Hier gehört die Entscheidung zum behandelnden Arzt.
Essen bedeutet im Alter weit mehr als Nahrungsaufnahme. Mahlzeiten strukturieren den Tag, sie sind Gewohnheit, Erinnerung und oft auch ein Stück Lebensfreude. Gerade wenn andere Möglichkeiten kleiner werden, kann ein vertrautes Essen eine besondere Bedeutung bekommen. Der Kaffee am Morgen, der Kuchen am Nachmittag oder ein Gericht, das seit Jahrzehnten gern gegessen wird, sind nicht einfach Kalorien. Sie gehören zu einem Leben.
Umso einschneidender ist es, wenn Essen plötzlich unangenehm wird. Ein Zahn kann empfindlich sein, das Zahnfleisch entzündet, eine Prothese kann drücken oder sich beim Kauen bewegen. Kleine Verletzungen der Mundschleimhaut können bei bestimmten Lebensmitteln stark brennen. Auch Aphten, kleine schmerzhafte Schleimhautveränderungen, können dazu führen, dass ein Mensch saure, salzige oder scharf gewürzte Speisen vermeidet. Von außen sieht man zunächst nur, dass etwas nicht gegessen wird. Der eigentliche Grund bleibt oft verborgen.
Genau deshalb sollten Veränderungen im Essverhalten aufmerksam beobachtet werden. Kaut ein Mensch plötzlich nur noch auf einer Seite? Greift er immer wieder an die Wange? Zögert er, bevor er zubeißt? Werden harte Lebensmittel vermieden? Wird ungewöhnlich lange gekaut? Bleiben Speisen im Mund zurück? Solche Zeichen beweisen noch keine bestimmte Erkrankung, aber sie sind Hinweise darauf, dass genauer hingeschaut werden sollte.
Dabei darf man nicht vergessen, dass ältere Menschen ihre Ernährungsweise manchmal über längere Zeit still an Beschwerden anpassen. Wenn ein Brot zu hart ist, wird eben weicheres gegessen. Wenn Fleisch unangenehm wird, lässt man es weg. Wenn der Apfel nicht mehr geht, wird auf Kompott ausgewichen. Dadurch wird das Problem zunächst umgangen, aber nicht unbedingt gelöst. Deshalb sollte die Frage bei einer auffälligen Veränderung nicht nur lauten: „Welche weichere Nahrung können wir anbieten?“, sondern auch: „Warum kann dieser Mensch plötzlich nicht mehr so essen wie vorher?“
Viele Senioren tragen Teil- oder Vollprothesen, und auch hier kann sich im Laufe der Jahre etwas verändern. Der Mundraum bleibt nicht unverändert. Zahnfleisch und Kiefer können sich verändern, sodass ein Zahnersatz, der einmal sehr gut gepasst hat, später Druckstellen verursacht, wackelt oder beim Kauen verrutscht. Manche Menschen nehmen ihre Prothese dann beim Essen heraus oder tragen sie immer seltener, ohne genau zu erklären, warum.
Solche Veränderungen sollten ernst genommen werden. Eine schlecht sitzende Prothese kann nicht nur unangenehm sein, sondern auch die Mundschleimhaut reizen und verletzen. Gleichzeitig verändert sie die Art, wie Nahrung gekaut wird, und kann dadurch die Lebensmittelauswahl beeinflussen.
Auch die Reinigung von Zahnersatz gehört selbstverständlich zur Mundhygiene, sollte aber nicht gedankenlos durchgeführt werden. Unterschiedliche Materialien können unterschiedliche Pflege benötigen. Deshalb ist es sinnvoll, sich bei Unsicherheit in der Zahnarztpraxis erklären zu lassen, welche Reinigung für den jeweiligen Zahnersatz geeignet ist.
Was mir dabei ebenso wichtig erscheint, ist der menschliche Aspekt. Zahnersatz ist ein sehr persönliches Thema. Viele ältere Menschen empfinden es als unangenehm, wenn andere ihre Prothese herausnehmen oder reinigen müssen. Auch hier ist Zurückhaltung wichtig. Man sollte nicht über den Zahnersatz sprechen, als handele es sich um irgendeinen Gegenstand. Für den Menschen gehört er zu seinem Körperbild, seinem Aussehen, seiner Sprache und seinem Selbstgefühl.
Der Mundraum reagiert empfindlich auf Veränderungen. Rötungen, wunde Stellen, Blutungen, Schwellungen oder Druckstellen sollten deshalb nicht über längere Zeit ignoriert werden. Besonders dann, wenn ein Mensch Schmerzen beim Essen zeigt, plötzlich auf bestimmte Temperaturen reagiert oder die Mundpflege nicht mehr zulässt, lohnt sich eine fachliche Abklärung.
Auch Mundsoor kann gerade bei älteren oder gesundheitlich geschwächten Menschen auftreten. Dabei handelt es sich um eine Pilzinfektion des Mundraums, die sich beispielsweise durch Beläge, gerötete Schleimhäute, Brennen oder ein verändertes Mundgefühl zeigen kann. Für den Betroffenen kann das Essen und Trinken erheblich unangenehmer werden. Wenn der Verdacht auf Mundsoor besteht, sollte nicht über längere Zeit mit Hausmitteln experimentiert werden. Die Diagnose und gegebenenfalls notwendige Behandlung gehören in ärztliche oder zahnärztliche Hände.
Gerade bei Menschen mit Demenz besteht die Gefahr, körperliche Beschwerden vorschnell ihrer Erkrankung zuzuschreiben. Wenn jemand plötzlich die Zahnbürste wegschlägt, den Mund nicht öffnen möchte oder beim Essen unruhig wird, heißt es schnell: „Das ist eben die Demenz.“ Manchmal kann die Demenz tatsächlich erklären, warum eine Handlung nicht mehr verstanden wird. Aber genauso gut kann ein Zahn schmerzen, eine Druckstelle vorhanden sein oder die Schleimhaut brennen. Eine Demenz schützt nicht vor Zahnschmerzen, sie erschwert nur häufig, diese verständlich mitzuteilen.
Deshalb sollten neue oder deutlich veränderte Verhaltensweisen immer auch körperlich gedacht werden.
Mundpflege ist ohnehin ein intimer Vorgang. Wenn ein anderer Mensch die Zahnbürste führt, den Mund kontrolliert oder eine Prothese herausnimmt, kommt er einem Menschen sehr nahe. Für jemanden mit Demenz kann genau diese Nähe schwer einzuordnen sein.
Der Betroffene versteht vielleicht nicht mehr, warum eine Zahnbürste in seinen Mund geführt werden soll. Er erkennt den Gegenstand möglicherweise, kann den nächsten Schritt aber nicht mehr vorhersehen. Manche Menschen pressen die Lippen zusammen, drehen den Kopf weg oder halten die Hand des Angehörigen fest. Das wird schnell als Verweigerung verstanden, obwohl es ebenso gut Angst oder Unsicherheit sein kann.
In solchen Situationen hilft Druck selten. Wer versucht, den Mund gegen Widerstand zu öffnen oder den Kopf festzuhalten, kann die Angst verstärken und dafür sorgen, dass die nächste Mundpflege noch schwieriger wird. Besser ist es, die vertraute Handlung so weit wie möglich wiederzuerkennen zu lassen. Die Zahnbürste kann gezeigt, in die Hand gegeben und die Bewegung vorgemacht werden. Manche Menschen beginnen dann selbst zu putzen, weil der Bewegungsablauf noch vorhanden ist, obwohl eine verbale Aufforderung nicht mehr ausreichend verstanden wurde.
Wenn ein Senior noch selbst putzen kann, sollte man ihm diese Fähigkeit auch lassen, selbst wenn die Reinigung nicht mehr vollkommen gründlich ist. Anschließend kann vorsichtig unterstützt werden. Das ist häufig angenehmer, als einem Menschen eine Handlung vollständig aus der Hand zu nehmen, die er sein Leben lang selbst durchgeführt hat.
Auch die Wahl der Worte spielt eine Rolle. Eine ruhige, einfache Ankündigung ist meist hilfreicher als lange Erklärungen. Gleichzeitig sollte ein Erwachsener nicht wie ein Kind angesprochen werden. Pflegebedürftigkeit und Demenz nehmen einem Menschen nicht seine Erwachsenenwürde.
Mundgeruch ist für viele Menschen mit Scham verbunden. Angehörige bemerken ihn oft, wissen aber nicht, wie sie damit umgehen sollen. Gerade hier braucht es Taktgefühl, denn niemand möchte das Gefühl bekommen, unangenehm oder ungepflegt zu sein.
Mundgeruch kann unterschiedliche Ursachen haben. Beläge, Mundtrockenheit, Zahnfleischprobleme, ein schlecht gereinigter Zahnersatz oder andere Veränderungen im Mund können eine Rolle spielen. Hält ein auffälliger Mundgeruch trotz guter Mundpflege an oder tritt er neu auf, sollte deshalb nach der Ursache gesucht werden.
Wichtig ist die Art, wie man darüber spricht. Ein älterer Mensch sollte nicht mit einer abwertenden Bemerkung beschämt werden. Es geht nicht darum, den Geruch zu kommentieren, sondern darum zu verstehen, ob eine Veränderung im Mundraum vorliegt, die behandelt oder besser gepflegt werden sollte.
Pflege sollte nie dazu führen, dass ein Mensch sich für seinen eigenen Körper schämt.
Schlucken beginnt nicht erst im Hals. Bevor Nahrung überhaupt weitertransportiert werden kann, muss sie im Mund aufgenommen, zerkleinert, mit Speichel vermischt und zu einem schluckfähigen Bissen geformt werden. Wenn Zähne fehlen, der Zahnersatz schlecht sitzt, die Zunge eingeschränkt beweglich ist oder der Mund sehr trocken ist, kann bereits dieser erste Teil des Schluckens erschwert sein.
Deshalb gehören Veränderungen beim Essen und Schlucken immer zusammen betrachtet. Ein Mensch, der plötzlich nur noch weiche Nahrung akzeptiert, muss nicht zwangsläufig eine ausgeprägte Schluckstörung haben. Ebenso darf man aber eine mögliche Schluckstörung nicht übersehen.
Wenn sich ein Mensch beim Essen oder Trinken häufig verschluckt, wiederholt hustet, Nahrung im Mund zurückbleibt, sich die Stimme nach dem Trinken auffällig verändert oder immer wieder Atemwegsprobleme auftreten, sollte das ärztlich abgeklärt werden. Je nach Ursache können weitere fachliche Untersuchungen notwendig werden.
Wichtig ist mir dabei, Angehörige nicht unnötig zu verängstigen. Nicht jedes Husten beim Trinken bedeutet eine schwere Störung. Entscheidend sind Veränderungen, Wiederholungen und der gesamte Eindruck.
Gerade hier zeigt sich wieder, wie wertvoll kontinuierliche Betreuung sein kann. Wer einen Senior täglich erlebt, weiß, ob ein bestimmtes Verhalten schon immer so war oder ob es neu hinzugekommen ist.
Bei älteren Menschen wird nachlassender Appetit häufig schnell mit dem Alter erklärt. Das ist manchmal nachvollziehbar, aber nicht immer ausreichend. Wer weniger isst, kann schlicht weniger Hunger haben. Er kann aber auch weniger essen, weil das Kauen anstrengend, das Schlucken unangenehm oder der Geschmack verändert ist.
Mundtrockenheit, Zahnschmerzen, Druckstellen, Entzündungen oder ein schlecht sitzender Zahnersatz können dazu führen, dass ein Mensch Mahlzeiten verkürzt oder ganz meidet. Bleibt das über längere Zeit unbemerkt, kann die Nahrungsaufnahme deutlich abnehmen.
Deshalb lohnt sich bei auffälligem Gewichtsverlust oder länger anhaltender Nahrungsverweigerung immer auch ein Blick auf Mund und Zähne. Gleichzeitig müssen selbstverständlich andere mögliche Ursachen ärztlich berücksichtigt werden.
Gerade bei hochbetagten Menschen sollte man nicht zu schnell sagen: „Er isst eben nicht mehr so viel.“ Wenn eine Veränderung deutlich ist, verdient sie eine Erklärung.
Wenn Kauen oder Schlucken schwieriger wird, können weichere oder anders zubereitete Speisen eine große Hilfe sein. Dabei sollte jedoch die Lebensqualität nicht aus dem Blick geraten. Angepasste Kost muss nicht geschmacklos oder unansehnlich sein.
Ein Mensch, der jahrelang gern gegessen hat, sollte nicht plötzlich jeden Tag einen einheitlichen Brei vor sich sehen, nur weil bestimmte Konsistenzen schwieriger geworden sind. Auch weiche Speisen können appetitlich angerichtet, abwechslungsreich gewürzt und getrennt angeboten werden. Der Geschmack, der Geruch und das Aussehen einer Mahlzeit bleiben wichtig.
Bei empfindlicher oder entzündeter Schleimhaut können sehr scharfe, saure, stark salzige oder sehr heiße Speisen Beschwerden verstärken. Was tatsächlich vertragen wird, muss individuell beobachtet werden. Allgemeine Verbotslisten helfen wenig, wenn man nicht weiß, was beim einzelnen Menschen überhaupt unangenehm ist.
Das Ziel sollte immer sein, Beschwerden zu reduzieren, ohne einem Menschen unnötig weitere Freude am Essen zu nehmen.
Wir denken beim Mund meist zuerst an Essen und Zähne. Dabei spielt er ebenso eine zentrale Rolle beim Sprechen. Ein trockener Mund, schlecht sitzender Zahnersatz oder schmerzhafte Stellen können dazu führen, dass die Aussprache schwerer oder undeutlicher wird.
Das kann einen Menschen sozial stärker belasten, als Außenstehende bemerken.
Wer einen Satz mehrfach wiederholen muss, weil andere ihn schlecht verstehen, kann irgendwann weniger erzählen. Wer das Gefühl hat, seine Prothese bewege sich beim Sprechen, wird vielleicht zurückhaltender. Wer sich wegen Mundgeruchs schämt, rückt im Gespräch unbewusst weiter weg oder vermeidet Nähe.
So kann ein scheinbar kleines Problem im Mund Auswirkungen auf den gesamten sozialen Alltag haben.
Ein Mensch spricht nicht weniger, weil er nichts mehr zu sagen hat. Manchmal macht das Sprechen schlicht keinen Spaß mehr.
Gerade deshalb gehört auch diese Veränderung zu den Beobachtungen, die ernst genommen werden sollten.
Mundpflege sollte nicht zu einer medizinischen Untersuchung werden. Angehörige und Betreuungskräfte müssen keine Diagnosen stellen. Aber sie sind oft diejenigen, die Veränderungen zuerst sehen.
Wenn während der täglichen Pflege plötzlich eine wunde Stelle auffällt, das Zahnfleisch stark blutet, eine Prothese nicht mehr eingesetzt werden möchte oder eine bestimmte Stelle immer wieder Schmerzen verursacht, kann diese Beobachtung sehr wertvoll sein.
Es geht nicht darum, bei jeder kleinen Abweichung sofort besorgt zu sein. Es geht um Aufmerksamkeit.
Was ist neu?
Was hält länger an?
Was beeinträchtigt den Menschen?
Was verändert Essen, Trinken oder Sprechen?
Diese Fragen sind häufig viel hilfreicher als eine starre Liste dessen, was täglich erledigt werden muss.
Ein hohes Lebensalter macht Zahnschmerzen nicht weniger bedeutsam. Eine Entzündung tut mit neunzig Jahren nicht weniger weh als mit fünfzig. Eine drückende Prothese beeinträchtigt einen hochbetagten Menschen ebenso wie jeden anderen.
Deshalb halte ich es für wichtig, Mundgesundheit auch bei alten und pflegebedürftigen Menschen ernst zu nehmen. Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen können helfen, Probleme früh zu erkennen, wobei natürlich immer die gesundheitliche Gesamtsituation des einzelnen Menschen berücksichtigt werden muss.
Bei Menschen, die nur schwer eine Praxis aufsuchen können, lohnt es sich zu erfragen, welche Möglichkeiten zur zahnärztlichen Versorgung im konkreten Fall bestehen. Auch hier sollte nicht vorschnell angenommen werden, dass eine Behandlung „in dem Alter ohnehin nichts mehr bringt“.
Das Ziel ist nicht Perfektion.
Das Ziel ist möglichst wenig Schmerz, möglichst gute Funktion und möglichst viel Lebensqualität.
Wenn ich Mundhygiene im Alter betrachte, sehe ich darin längst nicht nur eine pflegerische Aufgabe. Der Mund verbindet viele Bereiche, die für einen Menschen unmittelbar zum Leben gehören. Wir schmecken mit ihm, wir sprechen, wir lachen, wir trinken, wir essen und zeigen Nähe.
Wenn in diesem Bereich etwas nicht mehr stimmt, verändert sich deshalb oft weit mehr als nur die Frage, ob die Zähne sauber sind.
Eine gute Mundpflege beginnt für mich deshalb mit Respekt und Aufmerksamkeit. Sie bedeutet, einen Menschen nicht zu beschämen, wenn er Hilfe benötigt. Sie bedeutet, Schmerzen nicht vorschnell dem Alter zuzuschreiben, eine Nahrungsverweigerung nicht automatisch als Appetitlosigkeit zu betrachten und Abwehr bei einer Demenz nicht sofort als schwieriges Verhalten einzuordnen.
Vor allem bedeutet sie, Veränderungen wahrzunehmen.
Vielleicht lässt ein Senior plötzlich sein Lieblingsbrot liegen. Vielleicht trinkt er bei jedem Bissen. Vielleicht sitzt die Prothese morgens häufiger auf dem Nachttisch. Vielleicht wird weniger gesprochen. Vielleicht verzieht ein Mensch beim Putzen an einer bestimmten Stelle immer wieder das Gesicht.
Keine dieser Beobachtungen muss etwas Schwerwiegendes bedeuten.
Aber jede kann uns etwas erzählen.
Genau das macht für mich gute Betreuung aus. Nicht möglichst viele Aufgaben mechanisch zu erledigen, sondern den Menschen so aufmerksam zu begleiten, dass kleine Veränderungen überhaupt wahrgenommen werden.
Denn letztlich geht es bei Mundhygiene nicht um einen makellosen Mundraum.
Es geht darum, dass ein Mensch möglichst schmerzfrei essen kann, dass ihm sein Essen noch schmeckt, dass er trinken kann, ohne Beschwerden zu haben, dass er sprechen und lachen kann, ohne sich dafür zu schämen, und dass seine Mundpflege auch dann respektvoll bleibt, wenn er sie irgendwann nicht mehr allein übernehmen kann.
Gerade im hohen Alter sind solche scheinbar selbstverständlichen Dinge keineswegs klein. Sie können einen erheblichen Teil dessen ausmachen, was wir Lebensqualität nennen.
Und vielleicht sollten wir deshalb beim nächsten Mal, wenn ein älterer Mensch sein Essen stehen lässt, die Prothese herausnimmt oder plötzlich die Mundpflege verweigert, nicht zuerst denken: „Er will nicht.“
Vielleicht sollten wir uns zuerst fragen, ob sein Mund uns gerade etwas erzählt, das er selbst nicht mehr in Worte fassen kann.
Ihre Elke Hanak
Elkine-Seniorenbetreuung – Ihr vertrauensvoller Partner für die häusliche 24 Stunden Seniorenbetreuung
Hinweis: Schmerzen, anhaltende Mundtrockenheit, wunde oder auffällige Schleimhautveränderungen, Blutungen, neu auftretende Beschwerden beim Kauen oder Schlucken sowie Probleme mit Zähnen oder Zahnersatz sollten ärztlich beziehungsweise zahnärztlich abgeklärt werden. Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine medizinische oder zahnmedizinische Untersuchung und Beratung.