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24 Stunden Pflege - deutsche & deutschsprachige Kräfte.

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Validation bei Demenz – den Menschen verstehen, statt ihn ständig zu korrigieren

Warum einfühlsame Kommunikation bei Demenz so viel verändern kann – für den erkrankten Menschen und für die Angehörigen

Es gibt Situationen im Alltag mit einem Menschen mit Demenz, die Angehörige immer wieder an ihre Grenzen bringen. Eine Frage wird zum zehnten Mal gestellt, obwohl sie längst beantwortet wurde. Die Mutter ist überzeugt, jemand habe ihre Handtasche versteckt. Der Vater möchte dringend „nach Hause“, obwohl er seit Jahrzehnten in genau diesem Haus lebt. Eine Frau wartet am Nachmittag auf ihre längst verstorbene Mutter, ein Mann besteht darauf, zur Arbeit zu müssen, obwohl er seit vielen Jahren im Ruhestand ist. Für Angehörige sind solche Momente nicht nur anstrengend, sondern auch emotional schwer auszuhalten, weil man genau weiß, wie die Wirklichkeit aussieht, und gleichzeitig merkt, dass diese Wirklichkeit den Menschen mit Demenz in diesem Moment nicht mehr erreicht.

Der erste Impuls ist verständlicherweise oft, die Situation richtigzustellen. Man erklärt noch einmal, dass die Mutter schon lange verstorben ist, dass niemand etwas gestohlen hat, dass heute Sonntag ist oder dass der Betroffene längst zu Hause ist. Schließlich möchte man helfen und Orientierung geben. Doch gerade darin liegt häufig ein Problem: Für den Menschen mit Demenz fühlt sich seine Wahrnehmung in diesem Moment vollkommen real an. Wenn wir diese Wahrnehmung korrigieren, entsteht deshalb nicht automatisch Klarheit. Es kann stattdessen Verunsicherung, Trauer oder Widerstand entstehen, weil der Mensch erlebt, dass seine innere Wirklichkeit und die Aussagen seiner Umgebung nicht zusammenpassen.

Nach 25 Jahren in der häuslichen Seniorenbetreuung habe ich gelernt, dass wir Angehörigen in solchen Momenten oft viel mehr helfen, wenn wir nicht zuerst fragen, ob eine Aussage stimmt, sondern was hinter ihr steckt. Genau hier setzt Validation an. Validation bedeutet nicht, einen Menschen in einer falschen Realität zu bestätigen oder jede Aussage einfach abzunicken. Sie bedeutet, die emotionale Wahrheit hinter einer Aussage ernst zu nehmen und darauf zu reagieren, bevor wir versuchen, eine Situation sachlich zu erklären. Das klingt zunächst einfach, ist aber im Alltag oft eine tiefgreifende Veränderung.

Wenn eine ältere Dame immer wieder sagt, sie müsse nach Hause zu ihrer Mutter, kann man natürlich antworten, dass ihre Mutter längst verstorben ist. Vielleicht wird sie dann traurig, vielleicht erschrickt sie, vielleicht versteht sie es für einen kurzen Moment und fragt zehn Minuten später erneut. Man kann sich aber auch fragen, was „zu meiner Mutter“ in diesem Moment bedeutet. Vielleicht steht die Mutter innerlich für Schutz, Sicherheit, Kindheit oder Geborgenheit. Vielleicht fühlt sich die Frau gerade fremd, überfordert oder nicht sicher. Dann ist die eigentliche Botschaft womöglich weniger „Ich brauche die Information, wo meine Mutter ist“ als vielmehr „Ich fühle mich hier gerade nicht sicher und möchte an einen Ort, der sich vertraut anfühlt.“

Wenn wir auf dieses Gefühl reagieren, verändert sich das Gespräch. Statt immer wieder den Tod der Mutter zu erklären, kann man sagen: „Du vermisst deine Mutter gerade sehr“ oder „Du möchtest dorthin, wo du dich sicher fühlst.“ Man kann sich dazusetzen, eine vertraute Tasse Tee anbieten, ein Fotoalbum holen oder über etwas sprechen, das mit früher verbunden ist. Man bestätigt damit nicht, dass die Mutter noch lebt. Man nimmt aber ernst, dass das Gefühl, das hinter der Aussage steht, echt ist.

Genau das ist der Kern von Validation: nicht gegen die Wahrnehmung des Menschen zu kämpfen, sondern zu versuchen, das Bedürfnis hinter seiner Aussage zu verstehen.

Für Angehörige ist das manchmal ungewohnt, weil es unserem normalen Umgang mit Sprache widerspricht. Im Alltag korrigieren wir falsche Informationen automatisch. Wenn jemand sagt, heute sei Montag, obwohl Sonntag ist, berichtigen wir ihn. Wenn jemand behauptet, sein Geld sei gestohlen worden, obwohl wir genau wissen, dass es in einer Schublade liegt, stellen wir das richtig. Bei einem gesunden Menschen ist das völlig normal. Bei Demenz kann die Korrektur aber ihren Sinn verlieren, wenn die Information nicht mehr zuverlässig verarbeitet oder gespeichert wird.

Dann beginnt eine Endlosschleife. Die Tochter erklärt, dass die Geldbörse im Schlafzimmer liegt. Die Mutter ist beruhigt. Fünf Minuten später fragt sie erneut und ist überzeugt, jemand habe etwas genommen. Die Tochter erklärt es wieder, diesmal vielleicht schon etwas angespannter. Beim fünften Mal klingt die Stimme schärfer, obwohl sie sich vorgenommen hatte, geduldig zu bleiben. Die Mutter spürt die Anspannung, versteht aber nicht, warum die Tochter plötzlich gereizt ist. Dadurch wird sie selbst unsicherer, und aus einer kleinen Frage entsteht ein Streit.

Gerade in solchen Situationen hilft Validation nicht nur dem Menschen mit Demenz, sondern auch den Angehörigen. Sie nimmt ihnen den Druck, immer wieder dieselbe logische Erklärung liefern zu müssen. Wenn die Tochter stattdessen sagt: „Du machst dir Sorgen um dein Geld. Komm, wir schauen gemeinsam nach“, greift sie das Gefühl auf, ohne die Diebstahlgeschichte zu bestätigen. Vielleicht reicht es, die Geldbörse gemeinsam zu finden, vielleicht braucht es danach noch etwas anderes, das Sicherheit gibt. Wichtig ist, dass der Mensch nicht das Gefühl bekommt, lächerlich gemacht oder ständig verbessert zu werden.

Das klingt nach einer Kleinigkeit, kann aber im Alltag einen großen Unterschied machen.

Menschen mit Demenz verlieren nach und nach Fähigkeiten, die wir normalerweise für selbstverständlich halten. Dazu gehört nicht nur das Gedächtnis, sondern auch die Fähigkeit, Situationen logisch zu prüfen, Informationen miteinander zu verknüpfen und widersprüchliche Eindrücke zu ordnen. Wenn die Erinnerung Lücken bekommt, versucht das Gehirn trotzdem, einen Zusammenhang herzustellen. Dabei entstehen Erklärungen, die für Außenstehende unverständlich wirken, für den Betroffenen selbst aber vollkommen plausibel sein können.

Ein klassisches Beispiel ist der Vorwurf, jemand habe etwas gestohlen. Ein Mensch legt seine Geldbörse an einen anderen Ort als sonst und erinnert sich später nicht mehr daran. Die Geldbörse ist weg, also muss sie jemand genommen haben. Das ist aus seiner Sicht zunächst logisch. Die Erinnerung daran, dass er selbst sie verlegt hat, fehlt. Wenn wir dann nur sagen „Das stimmt doch nicht“, lösen wir die innere Logik nicht auf. Wir setzen lediglich unsere Wirklichkeit gegen seine.

Ähnlich ist es mit wiederholten Fragen. Angehörige erleben sie oft als sehr belastend, weil sie das Gefühl haben, ständig dieselbe Antwort geben zu müssen. Aber die Frage wird nicht unbedingt wiederholt, weil der Mensch nicht zugehört hat oder provozieren will. Häufig ist die Antwort schlicht nicht mehr gespeichert. Manchmal steckt hinter der Frage sogar weniger ein Informationsbedürfnis als ein emotionales Bedürfnis nach Sicherheit.

Wenn jemand alle fünf Minuten fragt, wann die Tochter wiederkommt, obwohl sie direkt daneben sitzt, kann dahinter Verlustangst stehen. Wenn ein Mann wiederholt fragt, wann er zur Arbeit müsse, kann die frühere Arbeit für ihn mit Pflichtgefühl, Struktur und Identität verbunden sein. Wenn eine Frau immer wieder wissen möchte, wann „die Kinder“ nach Hause kommen, kann sie innerlich in einer Lebensphase sein, in der ihre Kinder noch klein waren und sie sich verantwortlich fühlte.

Validation versucht, diese emotionale Ebene zu erreichen.

Das bedeutet aber nicht, dass man jede Aussage psychologisch überinterpretieren sollte. Nicht jede wiederholte Frage hat eine tiefe symbolische Bedeutung. Manchmal ist sie tatsächlich einfach eine Folge der Gedächtnisstörung. Trotzdem hilft die Haltung, zuerst zuzuhören und nicht sofort zu korrigieren, fast immer mehr als ein Streit über Fakten.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Art, wie Angehörige sprechen. Menschen mit Demenz reagieren oft sensibler auf Tonfall, Gesichtsausdruck und Körpersprache als auf den eigentlichen Inhalt eines Satzes. Eine Tochter kann vollkommen richtige Worte benutzen und trotzdem Unsicherheit auslösen, wenn ihre Stimme angespannt klingt. Ein Betreuer kann wenig sagen und trotzdem Sicherheit vermitteln, wenn er ruhig bleibt und dem Menschen Zeit gibt.

Deshalb ist Validation nicht nur eine Technik mit bestimmten Sätzen. Sie ist viel mehr eine Haltung.

Es reicht nicht, einen auswendig gelernten Satz wie „Das macht Ihnen Sorgen“ zu benutzen, wenn der Tonfall gleichzeitig genervt ist. Menschen merken sehr oft, ob jemand wirklich versucht zu verstehen oder nur eine Methode anwendet. Gerade deshalb muss Validation menschlich bleiben.

Ich würde Angehörigen immer raten, sich weniger auf perfekte Formulierungen zu konzentrieren und mehr auf das, was der Mensch gerade zeigt. Wirkt er ängstlich? Wütend? Suchend? Beschämt? Misstrauisch? Traurig? Unruhig? Wenn man das Gefühl erkennt, kann die Reaktion viel natürlicher werden.

Bei Angst hilft häufig eine andere Antwort als bei Ärger. Wenn eine Frau sagt: „Ich muss hier weg, hier stimmt etwas nicht“, könnte man statt „Aber hier ist doch alles in Ordnung“ eher sagen: „Du fühlst dich gerade nicht sicher. Komm, wir setzen uns einen Moment zusammen.“ Wenn ein Mann wütend sagt, jemand habe seine Sachen weggenommen, kann man antworten: „Das ärgert dich richtig. Wir schauen gemeinsam, wo sie sind.“ Wenn jemand traurig nach einer verstorbenen Person fragt, kann man das Vermissen aufgreifen, statt den Verlust jedes Mal erneut zu erklären.

Genau hier zeigt sich auch, dass Validation nicht bedeutet, alles einfach gutzuheißen. Wenn ein Mensch behauptet, jemand habe ihn bestohlen, sollte man nicht sagen: „Ja, das stimmt, jemand hat dein Geld gestohlen.“ Das würde eine falsche Behauptung bestätigen und könnte Misstrauen verstärken. Besser ist es, das Gefühl ernst zu nehmen, ohne die sachliche Behauptung zu bekräftigen.

Das ist ein feiner, aber sehr wichtiger Unterschied.

Auch bei aggressiven Situationen kann Validation helfen, aber sie ist kein Allheilmittel. Wenn ein Mensch körperlich gefährlich wird, muss die Sicherheit aller Beteiligten an erster Stelle stehen. Angehörige müssen sich nicht schlagen, treten oder beißen lassen. In solchen Situationen sollte Abstand geschaffen, die Situation beruhigt und fachliche beziehungsweise ärztliche Unterstützung hinzugezogen werden, besonders wenn das Verhalten neu auftritt oder deutlich zunimmt.

Gerade bei plötzlichen Verhaltensveränderungen darf niemals automatisch angenommen werden, dass allein die Demenz die Ursache ist. Schmerzen, Infektionen, Flüssigkeitsmangel, Verstopfung, Harnwegsbeschwerden, Medikamentennebenwirkungen, Seh- oder Hörprobleme oder ein akuter Verwirrtheitszustand können das Verhalten stark verändern. Ein Mensch, der plötzlich sehr aggressiv oder ungewöhnlich unruhig wird, braucht deshalb nicht nur bessere Kommunikation, sondern möglicherweise medizinische Abklärung.

Das ist mir wichtig, weil Validation manchmal missverstanden wird, als könne man jedes Problem einfach mit der richtigen Gesprächsführung lösen. Das wäre fachlich falsch und für Angehörige ungerecht. Kommunikation kann sehr viel verändern, aber sie ersetzt keine Diagnostik und keine medizinische Behandlung.

Im Alltag zeigt sich Validation oft besonders hilfreich in Situationen, in denen der Mensch mit Demenz eine andere Realität erlebt als seine Umgebung. Wenn jemand beispielsweise überzeugt ist, dass er zur Arbeit muss, kann die spontane Antwort „Du bist doch seit zwanzig Jahren Rentner“ zwar sachlich richtig sein, aber möglicherweise wenig bewirken. Vielleicht wird der Mensch sogar ärgerlich, weil er sich nicht ernst genommen fühlt. Man könnte stattdessen fragen: „Du möchtest heute noch etwas erledigen?“ oder „Was war dir bei deiner Arbeit immer besonders wichtig?“ Daraus kann ein Gespräch entstehen, das den Menschen nicht mit seinem Defizit konfrontiert, sondern an etwas Vertrautes anknüpft.

Manchmal hilft es auch, die Situation behutsam umzulenken. Wenn der frühere Handwerker unbedingt „zur Arbeit“ möchte, kann man vielleicht gemeinsam etwas im Haushalt anschauen oder eine kleine vertraute Tätigkeit anbieten. Wenn eine frühere Hausfrau meint, das Mittagessen müsse für die Kinder vorbereitet werden, kann man sie vielleicht ein Handtuch falten, Gemüse sortieren oder den Tisch decken lassen, sofern sie daran Freude hat und es sicher möglich ist.

Dabei geht es nicht darum, einem Menschen eine Beschäftigung vorzuspielen. Es geht darum, sein Bedürfnis nach Sinn und Tätigkeit ernst zu nehmen.

Menschen mit Demenz verlieren nicht plötzlich ihre Lebensgeschichte. Viele Rollen, die sie über Jahrzehnte hatten, bleiben innerlich bedeutsam. Eine Mutter war vielleicht fünfzig Jahre lang verantwortlich für ihre Familie. Ein Mann hat sein Leben lang morgens das Haus verlassen und gearbeitet. Solche Muster können tief verankert bleiben, selbst wenn Zeit und Gegenwart nicht mehr sicher eingeordnet werden können. Wenn wir das verstehen, wirken manche Aussagen plötzlich viel weniger absurd.

Auch bei der Frage „Ich will nach Hause“ hilft dieser biografische Blick. Zuhause ist nicht immer nur eine Adresse. Zuhause kann die Wohnung der Kindheit sein, die frühere Ehewohnung oder schlicht ein Gefühl von Sicherheit. Ein Mensch kann in seinem eigenen Wohnzimmer sitzen und trotzdem „nach Hause“ wollen, weil er den Ort gerade nicht als vertraut erlebt. Das ist für Angehörige schwer zu verstehen, besonders wenn sie sich große Mühe geben, alles schön und sicher zu gestalten. Manchmal fühlen sie sich durch diesen Satz sogar zurückgewiesen. Doch meist richtet er sich nicht gegen die Familie oder das tatsächliche Zuhause. Er beschreibt eher einen inneren Zustand.

Wenn Angehörige das wissen, können sie aufhören, minutenlang zu beweisen, dass man sich bereits zu Hause befindet. Vielleicht hilft stattdessen ein Blick auf vertraute Fotos, eine bekannte Decke, ein Lieblingsgetränk, eine vertraute Musik oder einfach eine ruhige Person, die sagt: „Ich bin bei dir.“

Nicht immer funktioniert das sofort. Validation ist keine Zauberformel. Ein Mensch kann trotz liebevoller Reaktion weiter unruhig bleiben oder dieselbe Frage erneut stellen. Das bedeutet nicht, dass man etwas falsch gemacht hat. Demenz verändert die Fähigkeit, Informationen zu speichern, und deshalb kann selbst ein guter Moment nach kurzer Zeit wieder verschwinden.

Für Angehörige ist genau das oft schwer. Sie investieren Geduld, sprechen ruhig, schaffen eine schöne Situation, und zehn Minuten später beginnt alles von vorn. Daraus kann das Gefühl entstehen, nichts habe einen Sinn. Ich sehe das anders. Auch wenn ein Mensch die konkrete Situation später nicht mehr erinnern kann, kann der Augenblick selbst trotzdem angenehm gewesen sein. Nicht jede gute Erfahrung muss dauerhaft gespeichert werden, um einen Wert zu haben.

Das ist vielleicht einer der wichtigsten Gedanken überhaupt.

Wir sind so daran gewöhnt, Erlebnisse danach zu beurteilen, ob man sich später daran erinnert. Bei Demenz müssen wir manchmal lernen, den Wert eines guten Moments im Moment selbst zu sehen.

Wenn eine Mutter zehn Minuten lang entspannt mit ihrer Tochter Kaffee trinkt und danach nicht mehr weiß, dass die Tochter da war, waren diese zehn Minuten trotzdem real. Wenn ein Vater bei einem vertrauten Lied lächelt und später nicht mehr weiß, was er gehört hat, war die Freude trotzdem vorhanden.

Validation kann genau solchen Momenten Raum geben.

Ein weiterer Bereich, in dem Angehörige häufig an ihre Grenzen geraten, sind wiederkehrende Vorwürfe. „Du willst mich loswerden.“ „Du hast mein Geld.“ „Du bestimmst alles über mich.“ Solche Sätze können tief treffen, besonders wenn der Angehörige tatsächlich sein eigenes Leben zurückstellt, um zu helfen.

Auch hier hilft es nicht, die eigenen Gefühle zu verleugnen. Wer Tag und Nacht für seine Mutter sorgt und dann hört, er wolle sie loswerden, darf verletzt sein. Trotzdem kann man versuchen, zwischen dem Satz und dem Bedürfnis dahinter zu unterscheiden.

Vielleicht erlebt die Mutter tatsächlich Kontrollverlust. Plötzlich entscheidet die Tochter über Arzttermine, Medikamente, Einkäufe oder Finanzen. Aus Sicht der Tochter ist das notwendige Hilfe. Aus Sicht der Mutter kann es sich anfühlen, als werde ihr Leben zunehmend von anderen bestimmt. Der Vorwurf „Du bestimmst alles“ ist dann vielleicht nicht objektiv fair, enthält aber ein echtes Gefühl von Abhängigkeit.

Wenn wir nur antworten „Das stimmt doch überhaupt nicht, ich tue alles für dich“, eskaliert das Gespräch leicht. Vielleicht ist es hilfreicher zu sagen: „Du möchtest gern selbst entscheiden. Das kann ich verstehen. Lass uns schauen, was du selbst entscheiden möchtest.“ Anschließend kann man dort echte Wahlmöglichkeiten lassen, wo das sicher möglich ist.

Validation bedeutet also nicht nur, Gefühle mit Worten zu benennen. Sie kann auch bedeuten, die Umgebung oder den Alltag so zu verändern, dass ein Bedürfnis wieder mehr Raum bekommt.

Gerade Selbstbestimmung ist ein gutes Beispiel. Menschen mit Demenz verlieren im Laufe der Erkrankung zwangsläufig Entscheidungsmöglichkeiten. Trotzdem können kleine Entscheidungen erhalten bleiben. Welches Oberteil soll heute angezogen werden? Möchte der Mensch Tee oder Kaffee? Soll der Spaziergang vor oder nach dem Mittagessen stattfinden? Solche Wahlmöglichkeiten wirken banal, können aber das Gefühl stärken, nicht nur Objekt fremder Entscheidungen zu sein.

Dabei sollte die Auswahl überschaubar bleiben. Zehn verschiedene Optionen können überfordern. Zwei klar sichtbare Möglichkeiten sind häufig hilfreicher. Genau das ist Validation im weiteren Sinn: Wir akzeptieren, dass ein Mensch Unterstützung beim Entscheiden braucht, ohne ihm jede Entscheidung abzunehmen.

Auch das Korrigieren von Erinnerungen verdient einen genaueren Blick. Angehörige möchten verständlicherweise verhindern, dass der Mensch „in einer falschen Welt lebt“. Dabei muss man unterscheiden, ob eine Korrektur tatsächlich notwendig ist. Wenn eine falsche Annahme zu einer Gefahr führt oder eine wichtige Entscheidung betrifft, kann eine sachliche Orientierung nötig sein. Wenn es jedoch um eine harmlose Erinnerung geht, die dem Menschen gerade Sicherheit gibt, muss nicht jede Ungenauigkeit berichtigt werden.

Wenn eine Frau erzählt, sie sei gestern mit ihrer Schwester einkaufen gewesen, obwohl die Schwester längst verstorben ist, kann man zuhören, ohne daraus eine Wahrheitsprüfung zu machen. Vielleicht spricht sie über eine Erinnerung aus einer anderen Zeit, die sich für sie gegenwärtig anfühlt. Man kann fragen, was sie gern gekauft haben oder wie die Schwester früher war. Dadurch bleibt das Gespräch menschlich.

Natürlich gibt es Grenzen. Wenn ein Mensch aufgrund einer falschen Vorstellung das Haus verlassen möchte, um mitten in der Nacht „zur Arbeit“ zu gehen, reicht Validation allein nicht. Dann muss Sicherheit hergestellt werden. Trotzdem kann auch in einer solchen Situation die Art der Reaktion entscheidend sein. Ein harter Widerspruch kann mehr Widerstand erzeugen, während ein verständnisvoller Einstieg möglicherweise ermöglicht, den Menschen umzulenken.

Es ist oft hilfreich, nicht sofort „Nein“ zu sagen, wenn ein anderer Satz möglich ist. Statt „Du kannst jetzt nicht raus“ kann man sagen: „Du möchtest noch etwas erledigen. Komm, wir trinken erst etwas, dann schauen wir gemeinsam.“ Man gewinnt Zeit, reduziert Druck und kann die Situation häufig ruhiger gestalten. Das funktioniert nicht immer, aber sehr häufig besser als direkte Konfrontation.

Auch bei der Körperpflege kann Validation eine wichtige Rolle spielen. Wenn ein Mensch sich gegen das Duschen wehrt, hilft die Aussage „Aber du musst doch gewaschen werden“ selten. Vielleicht empfindet er Scham, Kälte, Angst oder versteht nicht, warum er sich ausziehen soll. Man kann sagen: „Dir ist das gerade unangenehm“ oder „Du möchtest nicht, dass ich dich jetzt anfasse.“ Damit wird die Grenze wahrgenommen. Anschließend kann man überlegen, ob eine Teilwäsche ausreicht, ob ein anderer Zeitpunkt besser ist oder ob eine andere Person die Pflege übernehmen kann.

Gerade solche Situationen zeigen, dass Validation nicht weich oder beliebig ist. Sie nimmt einen Menschen ernst und sucht gleichzeitig nach einer praktikablen Lösung.

Was ich Angehörigen außerdem immer wieder raten würde, ist, die eigene Erschöpfung ernst zu nehmen. Validation verlangt Geduld, und Geduld ist deutlich schwerer, wenn man seit Wochen schlecht schläft, rund um die Uhr verantwortlich ist oder selbst gesundheitlich angeschlagen ist. Niemand kann unendlich ruhig reagieren.

Wenn eine Tochter beim zwanzigsten Mal gereizt antwortet, ist sie deshalb kein schlechter Mensch. Sie ist möglicherweise einfach erschöpft.

Gerade dann sollte die Lösung nicht nur darin bestehen, noch mehr Kommunikationstechniken zu lernen. Vielleicht braucht diese Tochter Entlastung. Vielleicht muss jemand anderes für einige Stunden übernehmen. Vielleicht braucht der Ehepartner eine Nacht, in der er durchschlafen kann. Gute Demenzbegleitung darf nicht bedeuten, dass Angehörige sich selbst vollständig aufgeben.

Auch das gehört für mich zur Ehrlichkeit dieses Themas: Validation kann viele Konflikte reduzieren, aber sie kann eine zu große Pflegebelastung nicht wegkommunizieren.

Nach 25 Jahren in der häuslichen Seniorenbetreuung habe ich unzählige Situationen erlebt, in denen ein Wechsel der Perspektive viel verändert hat. Nicht weil plötzlich alles leicht wurde, sondern weil Angehörige aufgehört haben, jede falsche Aussage korrigieren und jede Situation logisch lösen zu wollen. Sobald sie begannen, stärker auf das Gefühl zu achten, wurde manches ruhiger. Manchmal waren es nur kleine Veränderungen: weniger Fragen hintereinander, mehr Zeit für eine Antwort, nicht sofort widersprechen, einen Vorwurf nicht als persönliche Attacke behandeln, sondern nach der dahinterliegenden Sorge fragen.

Das klingt einfach, verlangt aber viel.

Es verlangt, dass wir unsere eigene Wirklichkeit für einen Moment nicht zum einzigen Maßstab machen. Wir wissen vielleicht genau, dass die Mutter tot ist, dass das Geld nicht gestohlen wurde oder dass der Mensch sich bereits zu Hause befindet. Der Betroffene erlebt in diesem Augenblick etwas anderes. Diese innere Wirklichkeit können wir nicht immer korrigieren, aber wir können entscheiden, ob wir sie bekämpfen oder versuchen, den Menschen darin zu verstehen.

Für mich bedeutet Validation deshalb vor allem Respekt.

Respekt vor dem Gefühl eines Menschen, auch wenn seine Wahrnehmung verändert ist. Respekt vor seiner Angst, selbst wenn wir keinen Grund dafür sehen. Respekt vor seiner Sorge, auch wenn wir wissen, dass sie sachlich unbegründet ist. Und Respekt vor seiner Würde, die nicht davon abhängt, ob seine Erinnerung korrekt ist.

Gleichzeitig bedeutet Validation auch Respekt vor den Angehörigen. Sie müssen nicht jedes Mal perfekt reagieren. Sie dürfen verletzt sein, müde werden und Grenzen haben. Sie dürfen sich Unterstützung holen und sie dürfen Situationen abbrechen, wenn sie selbst oder der Erkrankte überfordert sind.

Ich glaube, dass genau darin eine gute Demenzbegleitung liegt: nicht ständig recht haben zu müssen, aber auch nicht alles hinzunehmen; Gefühle ernst zu nehmen, ohne jede falsche Vorstellung zu bestätigen; Sicherheit zu geben, ohne einen Menschen zu bevormunden; und dort zu korrigieren, wo es wirklich notwendig ist, ohne aus jeder Abweichung von unserer Realität einen Kampf zu machen.

Wenn Angehörige diese Haltung langsam entwickeln, verändert sich oft auch ihre Beziehung zum Erkrankten. Sie sehen nicht mehr nur die falsche Aussage oder die wiederholte Frage. Sie sehen stärker den Menschen dahinter, der vielleicht Angst hat, Sicherheit sucht oder in einem Moment lebt, der für ihn gerade vollkommen real ist.

Und manchmal ist genau das die größte Entlastung: zu wissen, dass man nicht jedes Problem lösen muss, sondern manchmal einfach verstehen darf.

Nicht jede Frage braucht die perfekte Antwort. Nicht jede Erinnerung muss richtiggestellt werden. Nicht jeder Irrtum ist gefährlich.

Manchmal reicht es, wenn ein Mensch spürt, dass jemand neben ihm sitzt und seine Unsicherheit nicht lächerlich macht.

Für einen Menschen, dessen Welt zunehmend schwerer einzuordnen ist, kann genau dieses Gefühl unglaublich viel bedeuten.

Ihre Elke Hanak

Elkine-Seniorenbetreuung – Ihr vertrauensvoller Partner für die häusliche 24 Stunden Seniorenbetreuung

Wichtiger medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und Orientierung für Angehörige und ersetzt ausdrücklich keine ärztliche, neurologische, psychiatrische oder sonstige medizinische Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Neu auftretende oder deutlich zunehmende Verhaltensveränderungen, starke Unruhe, ausgeprägte Angst, Aggressivität, Halluzinationen, ungewöhnliche Schläfrigkeit, plötzlich verstärkte Verwirrtheit oder andere auffällige Veränderungen sollten ärztlich abgeklärt werden. Hinter solchen Veränderungen können neben einer Demenzerkrankung auch behandelbare körperliche oder psychische Ursachen wie Schmerzen, Infektionen, Flüssigkeitsmangel, Hör- oder Sehprobleme, Stoffwechselveränderungen, depressive Erkrankungen, Medikamentennebenwirkungen oder ein akuter Verwirrtheitszustand stehen. Medikamente dürfen nicht eigenständig begonnen, verändert oder abgesetzt werden.