Stürze im Alter vermeiden – wie Sicherheit im eigenen Zuhause wirklich entsteht
Konkrete Maßnahmen der Sturzprophylaxe – und warum es nicht genügt, nur Teppiche wegzuräumen
Ein Sturz im Alter dauert manchmal nur wenige Sekunden und kann doch das gesamte Leben eines Menschen verändern. Das ist einer der Gründe, weshalb Angehörige dieses Thema so fürchten. Oft beginnt die Sorge jedoch schon lange vor dem ersten tatsächlichen Sturz. Man bemerkt, dass die Mutter beim Aufstehen zunächst einen Moment sitzen bleibt, bevor sie losgeht. Der Vater fasst beim Vorbeigehen plötzlich häufiger an Möbelstücke, obwohl er das früher nie getan hat. Jemand, der jahrelang selbstverständlich die Treppe genommen hat, bleibt auf einer Stufe kurz stehen und sucht mit dem Fuß nach sicherem Halt. Solche kleinen Veränderungen fallen besonders den Menschen auf, die einen Senior regelmäßig erleben, und gerade sie sind wertvoll, weil sie uns die Möglichkeit geben, rechtzeitig hinzusehen.
Nach vielen Jahren in der häuslichen Seniorenbetreuung habe ich gelernt, dass Sturzprophylaxe viel zu häufig auf die Wohnung reduziert wird. Natürlich sind Teppichkanten, schlechte Beleuchtung oder ein fehlender Haltegriff wichtig. Aber ein Mensch stürzt nicht, weil irgendwo auf einer Liste ein Risikofaktor angekreuzt wurde. Meist kommen mehrere Dinge zusammen: Die Beine haben etwas an Kraft verloren, beim Aufstehen fällt der Blutdruck kurz ab, nachts ist man noch schläfrig, die Blase drängt, die Brille liegt auf dem Nachttisch, und auf den letzten Metern zum Badezimmer wird aus einem vertrauten Weg plötzlich eine schwierige Aufgabe.
Deshalb beginnt gute Sturzprophylaxe nicht damit, einem älteren Menschen möglichst viele Dinge zu verbieten. Sie beginnt damit, herauszufinden, warum dieser eine Mensch unsicherer geworden ist.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Wer nur versucht, jedes denkbare Risiko aus einer Wohnung zu entfernen, kann am Ende eine Umgebung schaffen, in der zwar theoretisch weniger passieren kann, der Senior sich aber auch immer weniger bewegt. Wer dagegen versteht, wodurch Unsicherheit entsteht, kann gezielt dort unterstützen, wo Unterstützung wirklich gebraucht wird. Sicherheit darf nämlich nicht bedeuten, einem Menschen aus Angst vor einem Sturz nach und nach sein gesamtes selbstständiges Leben abzunehmen.
Die Veränderung beginnt häufig lange vor dem eigentlichen Sturz
Viele ältere Menschen bemerken sehr genau, dass ihr Körper nicht mehr genauso reagiert wie früher, sprechen aber kaum darüber. Sie wollen ihre Kinder nicht beunruhigen, möchten nicht als gebrechlich gelten oder fürchten, dass jede zugegebene Unsicherheit sofort zu neuen Einschränkungen führt. Ein Vater erzählt vielleicht nicht, dass ihm nachts auf dem Weg zur Toilette manchmal schwindelig wird, weil er genau weiß, was seine Tochter anschließend sagen wird: „Dann darfst du nachts nicht mehr allein aufstehen.“
Also sagt er lieber nichts.
Auch das sollten Angehörige verstehen. Hinter dem Verschweigen einer Unsicherheit steckt nicht zwingend Uneinsichtigkeit. Manchmal steckt dahinter die Sorge, mit jeder Schwäche ein weiteres Stück Selbstständigkeit zu verlieren.
Deshalb beobachte ich lieber, als sofort zu bevormunden. Braucht ein Senior neuerdings beide Hände, um aus dem Sessel aufzustehen? Muss er sich nach dem Aufstehen erst orientieren? Werden die Schritte kleiner? Werden die Füße kaum noch angehoben? Bleibt jemand an Türschwellen hängen? Sucht er beim Gehen unbewusst Halt an Wänden und Möbeln? Vermeidet er Wege, die früher selbstverständlich waren? All das kann Hinweise geben, dass sich Kraft, Gleichgewicht, Sehvermögen, Beweglichkeit oder Kreislauf verändert haben.
Dabei sollte man Veränderungen nicht vorschnell dem Alter zuschreiben. Hinter einer neu entstandenen Gangunsicherheit können sehr unterschiedliche Ursachen stehen. Medikamente können eine Rolle spielen, ebenso Blutdruckschwankungen, Flüssigkeitsmangel, Infekte, Schmerzen, neurologische Erkrankungen, Sehprobleme oder eine allgemeine körperliche Schwächung. Deshalb gehört eine plötzlich neu auftretende oder deutlich zunehmende Unsicherheit ärztlich abgeklärt.
Gerade eine Veränderung, die innerhalb kurzer Zeit entsteht, sollte nicht mit dem Satz abgetan werden: „Er wird eben älter.“
Altern ist ein Prozess. Eine deutliche plötzliche Verschlechterung verdient eine Erklärung.
Nach einem Sturz verändert sich manchmal zuerst das Vertrauen in den eigenen Körper
Ein Sturz hinterlässt nicht nur blaue Flecken, Schmerzen oder vielleicht eine Verletzung. Er kann etwas beschädigen, das man auf keinem Röntgenbild sieht: das Vertrauen eines Menschen in den eigenen Körper.
Wer einmal erlebt hat, dass die Beine plötzlich nicht getragen haben, dass man das Gleichgewicht verloren hat oder hilflos auf dem Boden lag, bewegt sich danach häufig anders. Manche Menschen gehen vorsichtiger, setzen die Füße zögernder auf und beobachten jeden Schritt. Andere vermeiden bestimmte Räume oder Wege vollständig. Der Gang zur Haustür wird seltener, die Treppe möglichst gar nicht mehr benutzt, und Spaziergänge werden abgesagt, weil „das Wetter heute nicht so gut ist“.
Hinter solchen Begründungen kann Angst stecken.
Diese Angst ist verständlich. Sie kann aber zu einem Kreislauf führen, der die Situation langfristig verschärft. Wer sich aus Angst weniger bewegt, verliert mit der Zeit weitere Muskelkraft und Bewegungssicherheit. Wer weniger draußen ist, hat weniger Gelegenheit, das Gehen unter verschiedenen Bedingungen zu üben. Irgendwann fühlt sich Bewegung tatsächlich unsicherer an, und die ursprüngliche Angst scheint bestätigt.
Deshalb halte ich den Satz „Dann bleib lieber sitzen“ nach einem Sturz für gut gemeint, aber nicht grundsätzlich für eine gute Lösung.
Ein älterer Mensch braucht nach einem Sturz zunächst die notwendige medizinische Abklärung und anschließend, soweit es gesundheitlich möglich ist, wieder Vertrauen in Bewegung. Physiotherapie, gezieltes Kraft- und Gleichgewichtstraining oder angeleitete Übungen können dabei wertvoll sein. Welche Form geeignet ist, hängt vom Gesundheitszustand des einzelnen Menschen ab und sollte mit den behandelnden Fachpersonen abgestimmt werden.
Die Aufgabe der Familie besteht nicht darin, jemanden mutig zu reden. Viel wichtiger ist ein Umfeld, in dem Bewegung wieder möglich wird, ohne dass ständig die Angst mitschwingt, der nächste Schritt könne der falsche sein.
Das eigene Zuhause wird nicht plötzlich gefährlich – aber die Anforderungen verändern sich
Menschen kennen ihre Wohnung häufig seit Jahrzehnten. Gerade deshalb erscheint der Gedanke merkwürdig, das eigene Zuhause könne plötzlich ein Sturzrisiko darstellen. Der Teppich liegt seit zwanzig Jahren an derselben Stelle, die Stufe war immer dort, und nachts wurde schon tausendmal derselbe Weg zur Toilette zurückgelegt.
Aber nicht die Wohnung muss sich verändert haben.
Der Mensch hat sich verändert.
Eine kleine Teppichkante, über die man mit fünfzig automatisch hinwegsteigt, kann mit achtzig problematisch werden, wenn die Füße beim Gehen weniger angehoben werden. Eine dunkle Ecke, die früher kein Thema war, wird schwierig, wenn das Kontrastsehen nachlässt. Eine niedrige Sitzfläche, aus der man früher problemlos aufstand, kann plötzlich so viel Kraft verlangen, dass beim Hochkommen das Gleichgewicht verloren geht.
Deshalb würde ich eine Wohnung immer gemeinsam mit dem Senior betrachten und nicht einfach eigenmächtig „sicher machen“. Denn auch gut gemeinte Veränderungen können irritieren. Gerade bei Demenz kann das Entfernen vertrauter Möbel oder das komplette Umstellen eines Raumes zusätzliche Unsicherheit schaffen.
Manchmal reichen erstaunlich kleine Veränderungen. Laufwege können freigeräumt, lose Teppiche gesichert oder entfernt und Kabel so verlegt werden, dass sie keine Stolperstellen bilden. Häufig benutzte Gegenstände sollten erreichbar sein, ohne dass jemand auf einen Stuhl steigen oder sich gefährlich weit strecken muss. Auch die Höhe von Bett, Sessel und Toilettensitz verdient Aufmerksamkeit, denn sehr niedrige Sitzflächen verlangen erheblich mehr Kraft beim Aufstehen.
Im Badezimmer kommt zusätzlich Nässe hinzu. Eine rutschhemmende Gestaltung, fachgerecht angebrachte Haltegriffe und geeignete Hilfsmittel können dort sehr viel Sicherheit geben. Entscheidend ist allerdings, dass Haltegriffe wirklich belastbar montiert und dort angebracht werden, wo der Mensch sie tatsächlich benötigt. Ein dekorativer Handtuchhalter ist kein Ersatz für einen sicheren Haltegriff.
Die Nacht ist eine ganz eigene Risikosituation
Viele Stürze ereignen sich nicht während einer komplizierten Tätigkeit, sondern bei einem alltäglichen Weg: vom Bett zur Toilette.
In der Nacht kommen mehrere ungünstige Faktoren zusammen. Der Mensch ist schläfrig, die Orientierung braucht nach dem Aufwachen einen Moment, das Licht ist schlecht und häufig besteht gleichzeitig Harndrang. Wer dringend zur Toilette muss, wartet nicht geduldig darauf, dass sich der Kreislauf stabilisiert hat. Er steht auf und geht.
Gerade hier lohnt es sich, die Situation einmal in Ruhe zu beobachten. Ist der Weg frei? Muss eine Tür geöffnet werden? Liegt ein Teppich vor dem Bett? Wird der Lichtschalter gut erreicht? Ist die Toilette so niedrig, dass das Aufstehen anschließend schwerfällt? Wird nachts überhaupt die Brille aufgesetzt?
Automatische oder sensorgesteuerte Nachtbeleuchtung kann sinnvoll sein, weil nicht erst im Dunkeln nach einem Schalter gesucht werden muss. Dabei sollte das Licht Orientierung geben, ohne unangenehm zu blenden.
Wenn der Weg zur Toilette für einen Menschen nachts tatsächlich zu weit oder zu unsicher geworden ist, kann ein Toilettenstuhl in Bettnähe eine vernünftige Lösung sein. Manche Angehörige empfinden diesen Gedanken zunächst als einen großen Schritt und befürchten, dadurch werde der Senior „noch pflegebedürftiger“. Ich sehe das anders. Ein Hilfsmittel ist dann sinnvoll, wenn es einem Menschen ermöglicht, eine Situation sicherer und möglichst selbstständig zu bewältigen.
Würde hängt nicht daran, ob jemand nachts zehn Meter bis ins Badezimmer gehen kann.
Sie hängt viel mehr daran, ob eine Lösung respektvoll ist und dem Menschen Sicherheit gibt, ohne ihn unnötig abhängig zu machen.
Aufstehen ist eine der Situationen, die genauer betrachtet werden sollten
Manche Stürze beginnen schon beim Aufstehen.
Ein älterer Mensch sitzt oder liegt längere Zeit, richtet sich auf und geht sofort los. Dabei kann es zu Schwindel oder einem kurzzeitigen Blutdruckabfall kommen. Das wird manchmal als allgemeine Unsicherheit beschrieben, obwohl der eigentliche Zusammenhang mit dem Lagewechsel besteht.
Wer beobachtet, dass jemand beim Aufstehen regelmäßig schwankt, sich sofort festhalten muss, über Schwarzwerden vor den Augen oder Schwindel berichtet, sollte das ärztlich abklären lassen. Gerade bei älteren Menschen mit mehreren Medikamenten ist es sinnvoll, auch die Medikation regelmäßig ärztlich überprüfen zu lassen. Bestimmte Arzneimittel können Müdigkeit, Schwindel oder Blutdruckveränderungen begünstigen, und Kombinationen verschiedener Präparate verdienen besondere Aufmerksamkeit.
Auch hier gilt: Medikamente niemals eigenständig reduzieren, verändern oder absetzen.
Im Alltag kann es hilfreich sein, Bewegungen nicht unnötig zu überstürzen. Ein Mensch darf sich nach dem Aufrichten zunächst setzen, die Füße sicher aufstellen und erst dann aufstehen. Wer beim Hochkommen einen stabilen Halt benötigt, sollte diesen an der richtigen Stelle haben und nicht nach einer wackeligen Tischkante greifen müssen.
Solche Details wirken banal, bis man erlebt, wie viel Sicherheit sie schaffen können.
Schuhe sind kein Nebenthema
Ich habe in Haushalten immer wieder erlebt, dass Senioren draußen sehr vernünftiges Schuhwerk tragen und in der Wohnung ausgerechnet in weit sitzenden Pantoffeln laufen, die bei jedem zweiten Schritt fast vom Fuß rutschen. Sie sind bequem, seit Jahren vertraut und deshalb kaum wegzudenken.
Aber der Fuß braucht Halt.
Schuhe für den Alltag sollten gut passen und sicher am Fuß sitzen. Die Sohle sollte ausreichend Halt bieten, ohne das normale Abrollen unnötig zu behindern. Auch Füße selbst verdienen Aufmerksamkeit. Schmerzen, Druckstellen, Fehlstellungen oder sehr lange beziehungsweise problematische Nägel können den Gang verändern. Menschen mit Diabetes oder anderen Erkrankungen, bei denen Füße besonders sorgfältig beobachtet werden müssen, benötigen gegebenenfalls fachkundige Unterstützung bei der Fußpflege.
Barfußlaufen oder das Tragen von Socken kann je nach Boden und individueller Situation ebenfalls problematisch sein, wenn dadurch die Rutschgefahr steigt. Eine pauschale Regel gibt es nicht; entscheidend ist immer der einzelne Mensch und die tatsächliche Wohnsituation.
Sehen ist für das Gleichgewicht wichtiger, als viele vermuten
Sicheres Gehen hängt nicht nur von den Beinen ab. Unsere Augen liefern ständig Informationen über Abstände, Kanten, Unebenheiten und die räumliche Umgebung. Wenn die Sehkraft nachlässt, verändert sich deshalb auch die Bewegung.
Dabei muss ein Senior nicht sagen: „Ich sehe schlechter.“
Manchmal zeigt es sich anders. Stufen werden vorsichtiger genommen, bei wechselnden Lichtverhältnissen entsteht Unsicherheit oder dunkle Bereiche auf dem Boden werden gemieden. Auch eine nicht mehr passende Brille kann eine Rolle spielen.
Regelmäßige augenärztliche Kontrollen sind deshalb ein sinnvoller Bestandteil der Sturzprophylaxe. Ebenso wichtig ist eine gute, möglichst gleichmäßige Beleuchtung. Starke Unterschiede zwischen sehr hellen und dunklen Bereichen können die Orientierung erschweren, weil ältere Augen häufig länger brauchen, um sich an veränderte Lichtverhältnisse anzupassen.
Auch Kontraste spielen im Alltag eine Rolle. Eine Stufenkante, die sich optisch kaum vom restlichen Boden unterscheidet, kann schwerer wahrgenommen werden. Bei einer Sehbeeinträchtigung oder Demenz sollte die Gestaltung immer individuell betrachtet werden; nicht jede gut gemeinte optische Markierung hilft jedem Menschen gleichermaßen.
Auch Hören, Aufmerksamkeit und Orientierung gehören zur Sicherheit
Über das Hören wird bei Sturzprophylaxe weniger gesprochen. Dabei hilft auch akustische Orientierung, die Umgebung einzuschätzen. Zusätzlich können Hörprobleme dazu führen, dass ein Mensch sich stärker auf das Verstehen konzentrieren muss und dadurch weniger Aufmerksamkeit für die Umgebung übrig bleibt.
Bei Demenz kommen weitere Besonderheiten hinzu. Ein Mensch kann eine Gefahr sehen, aber nicht mehr zuverlässig einschätzen. Er kann vergessen, dass er den Rollator benutzen soll, oder nachts aufstehen, weil er glaubt, etwas erledigen zu müssen. Dann reicht es nicht, das Hilfsmittel einfach neben das Bett zu stellen.
Hier wird deutlich, warum gute Betreuung so individuell sein muss. Ein Rollator schützt nur, wenn er tatsächlich benutzt und richtig gehandhabt wird. Ein Haltegriff hilft nur, wenn der Mensch versteht, wofür er da ist. Ein Warnsystem nützt wenig, wenn anschließend niemand angemessen reagieren kann.
Gerade bei Demenz geht es deshalb nicht darum, ein Zuhause mit immer mehr Technik auszustatten, sondern darum, zu verstehen, in welchen Situationen der einzelne Mensch Unterstützung benötigt.
Hilfsmittel sind keine Niederlage
Viele Senioren lehnen einen Rollator zunächst ab. Für Angehörige ist das manchmal schwer nachvollziehbar, weil sie nur den praktischen Nutzen sehen. Der Senior sieht vielleicht etwas anderes. Für ihn steht der Rollator möglicherweise symbolisch für Alter, Gebrechlichkeit und den sichtbaren Verlust einer Fähigkeit.
Wenn man das versteht, führt man ein anderes Gespräch.
Dann heißt es nicht: „Du brauchst jetzt einen Rollator.“
Man kann darüber sprechen, was dadurch wieder möglich wird. Ein sicherer Weg bis vor die Tür. Ein längerer Spaziergang. Eine Möglichkeit, sich unterwegs kurz abzustützen oder bei geeigneten Modellen eine Pause einzulegen.
Hilfsmittel sollten möglichst fachgerecht ausgewählt und eingestellt werden. Ein falsch eingestellter Rollator kann die Haltung und Handhabung ungünstig beeinflussen. Ergotherapie, Physiotherapie, Sanitätshaus und behandelnde Fachpersonen können je nach Hilfsmittel und Situation unterstützen.
Dasselbe gilt für Gehstöcke, Haltegriffe oder andere Hilfen. Nicht das Vorhandensein eines Hilfsmittels schafft Sicherheit, sondern seine richtige Auswahl und Anwendung.
Bewegung bleibt einer der wichtigsten Schutzfaktoren
Aus Angst vor Stürzen entsteht leicht der Gedanke, ein älterer Mensch müsse sich vor allem schonen. Langfristig kann übermäßige Schonung jedoch genau das schwächen, was für sicheres Gehen benötigt wird: Muskelkraft, Gleichgewicht, Beweglichkeit und Reaktionsfähigkeit.
Bewegung muss dabei nicht automatisch bedeuten, ein kompliziertes Trainingsprogramm zu absolvieren. Schon der Alltag enthält viele Bewegungsmöglichkeiten. Aufstehen, einige Schritte gehen, sich sicher hinsetzen, unter Begleitung nach draußen gehen oder einfache, fachlich geeignete Übungen können helfen, vorhandene Fähigkeiten zu erhalten.
Nach einem Sturz, bei deutlicher Gangunsicherheit oder bestimmten Erkrankungen ist es sinnvoll, Physiotherapie beziehungsweise ärztlichen Rat einzubeziehen, damit Übungen zum individuellen Zustand passen. Ein Mensch mit ausgeprägter Osteoporose, neurologischer Erkrankung, Herz-Kreislauf-Problemen oder nach einer Operation benötigt möglicherweise andere Empfehlungen als ein ansonsten gesunder älterer Mensch.
Das Ziel sollte dabei nie sein, irgendeine sportliche Leistung zu erreichen.
Es geht darum, den Körper weiterhin benutzen zu können.
Denn Fähigkeiten, die über lange Zeit kaum noch genutzt werden, gehen leichter verloren.
Trinken, Essen und Kraft gehören ebenfalls zur Sturzprophylaxe
Bei Sturzgefahr wird häufig zuerst an Bodenbeläge und Rollatoren gedacht. Dabei gehört auch der allgemeine körperliche Zustand dazu.
Wer zu wenig trinkt, kann Kreislaufprobleme entwickeln. Wer über längere Zeit zu wenig isst, verliert möglicherweise Gewicht und Muskelkraft. Krankheiten, längere Bettlägerigkeit oder ein Krankenhausaufenthalt können innerhalb relativ kurzer Zeit dazu führen, dass ein älterer Mensch körperlich deutlich schwächer nach Hause kommt.
Deshalb beobachte ich nach solchen Phasen besonders genau, wie sicher jemand tatsächlich wieder auf den Beinen ist. Die Tatsache, dass ein Mensch vor dem Krankenhausaufenthalt allein zur Toilette gegangen ist, bedeutet nicht automatisch, dass er dies unmittelbar nach der Rückkehr wieder genauso sicher kann.
Auch ungewöhnliche Müdigkeit sollte ernst genommen werden. Ein erschöpfter Mensch reagiert langsamer und kann Risiken schlechter ausgleichen.
Bei unbeabsichtigtem Gewichtsverlust, anhaltend geringer Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme, Schwindel oder deutlichem Kraftverlust sollte der behandelnde Arzt einbezogen werden.
Der Drang zur Toilette bringt Menschen manchmal mehr in Gefahr als ihr Gangbild
Ein Thema, über das ältere Menschen nur ungern sprechen, ist Inkontinenz oder sehr starker Harndrang.
Wer Angst hat, die Toilette nicht rechtzeitig zu erreichen, bewegt sich anders. Er steht hastiger auf, geht schneller, verzichtet vielleicht auf den Rollator, weil dieser im ersten Moment als hinderlich erscheint, und trifft ausgerechnet in einer ohnehin schwierigen Situation Entscheidungen unter Zeitdruck.
Deshalb gehört auch die Toilettensituation zur Sturzprophylaxe.
Ist die Kleidung leicht zu öffnen? Ist die Toilette gut erreichbar? Braucht der Mensch nachts einen kürzeren Weg? Ist eine Toilettensitzerhöhung sinnvoll? Gibt es sichere Haltemöglichkeiten?
Auch häufig auftretender oder neu veränderter Harndrang sollte nicht einfach als Alterserscheinung hingenommen, sondern gegebenenfalls medizinisch abgeklärt werden.
Manchmal ist die beste Sturzprophylaxe nicht ein weiteres Geländer, sondern die Lösung des Problems, weshalb jemand überhaupt so hastig losläuft.
Sensormatten und technische Hilfen können unterstützen – sie ersetzen aber keine durchdachte Betreuung
Technische Hilfen können in bestimmten Situationen sehr sinnvoll sein. Eine Sensormatte am Bett kann beispielsweise anzeigen, dass ein besonders sturzgefährdeter Mensch nachts aufsteht. Bewegungsmelder können Licht einschalten, ohne dass im Dunkeln ein Schalter gesucht werden muss. Notrufsysteme können für Menschen, die noch allein leben, zusätzliche Sicherheit schaffen.
Trotzdem sollte Technik immer zu einer konkreten Situation passen. Sie darf nicht einfach eingesetzt werden, weil sie verfügbar ist.
Gerade bei technischen Überwachungs- oder Meldesystemen sollte man sich fragen, was tatsächlich notwendig ist, wer die Information erhält und wie Privatsphäre gewahrt bleibt. Sicherheit ist wichtig, aber ein pflegebedürftiger Mensch verliert nicht sein Recht darauf, sich in seinem eigenen Zuhause unbeobachtet zu fühlen.
Für mich ist gute Technik deshalb Technik, die im Hintergrund unterstützt und dem Menschen möglichst viel Freiheit lässt.
Hüftprotektoren können sinnvoll sein – aber sie sind kein Freibrief
Bei Menschen mit hohem Sturz- und Frakturrisiko können auch Hüftprotektoren erwogen werden. Sie sollen bei einem seitlichen Sturz den Bereich des Hüftgelenks beziehungsweise des Oberschenkelhalses schützen. Wie sinnvoll sie im individuellen Fall sind, hängt jedoch davon ab, ob sie korrekt getragen werden und wie hoch das persönliche Risiko ist.
Man sollte daraus keine falsche Sicherheit ableiten. Hüftprotektoren verhindern keinen Sturz und ersetzen weder Bewegung noch eine vernünftige Gestaltung des Umfeldes.
Bei ausgeprägtem Frakturrisiko ist zudem die Frage nach Knochengesundheit beziehungsweise Osteoporose wichtig. Ob Untersuchungen oder eine Behandlung erforderlich sind, gehört in ärztliche Hände.
Sturzprävention und Schutz vor den Folgen eines Sturzes sind zwei verschiedene Dinge, die sich ergänzen können.
Das größte Problem nach einem Sturz kann die Angst vor dem nächsten sein
Es gibt ältere Menschen, die nach einem Sturz körperlich erstaunlich schnell wieder auf den Beinen sind und trotzdem ihr früheres Leben nicht wieder aufnehmen.
Sie trauen sich nicht mehr.
Angehörige verstärken diese Angst manchmal unbeabsichtigt. Nach dem Schrecken wird jede Bewegung begleitet von „Vorsicht“, „Langsam“, „Pass auf“, „Nicht allein“.
Diese Sätze entstehen aus Liebe. Aber wenn ein Mensch bei jedem Schritt hört, dass etwas passieren könnte, beginnt er irgendwann selbst, seinem Körper immer weniger zu vertrauen.
Natürlich sollen konkrete Gefahren benannt werden. Aber ein Senior braucht ebenso die Erfahrung, dass ihm noch etwas gelingt.
Eine ruhige Begleitung kann deshalb hilfreicher sein als ständige Warnung. In erreichbarer Nähe sein, aber nicht bei jedem Schritt zugreifen. Zeit lassen. Einen sicheren Rahmen schaffen und nur dann übernehmen, wenn es wirklich notwendig ist.
Das klingt einfacher, als es ist.
Wer erlebt hat, wie Vater oder Mutter auf dem Boden lag, muss die eigene Angst ebenfalls bewältigen. Man möchte verhindern, dass so etwas jemals wieder geschieht. Vollständig ausschließen lässt es sich jedoch nicht.
Und genau damit muss auch eine Familie umgehen lernen.
Sicherheit darf nicht in Gefangenschaft enden
Das ist für mich einer der schwierigsten Punkte bei der Sturzprophylaxe.
Wir möchten schützen.
Aber wie weit dürfen wir dafür gehen?
Ein älterer Mensch besitzt weiterhin das Recht, sein Leben zu leben, auch wenn dieses Leben Risiken enthält. Wenn wir aus Angst jeden Weg verhindern, den Menschen möglichst nur noch sitzen lassen und jede selbstständige Bewegung kontrollieren, haben wir vielleicht ein Risiko reduziert und gleichzeitig sehr viel Lebensqualität genommen.
Absolute Sicherheit gibt es nicht.
Auch junge Menschen stürzen. Auch in einer vollkommen aufgeräumten Wohnung kann jemand das Gleichgewicht verlieren.
Verantwortungsvolle Betreuung bedeutet deshalb nicht, jedes denkbare Risiko zu beseitigen. Sie bedeutet, vermeidbare Gefahren zu reduzieren, gesundheitliche Ursachen ernst zu nehmen und gleichzeitig so viel Bewegung und Selbstständigkeit wie möglich zu erhalten.
Das verlangt manchmal eine schwierige Abwägung zwischen Schutz und Freiheit.
Und diese Abwägung kann für jeden Menschen anders ausfallen.
Was nach einem Sturz wichtig ist
Wenn ein älterer Mensch gestürzt ist, sollte nicht reflexartig versucht werden, ihn möglichst schnell wieder auf die Beine zu ziehen. Zunächst muss geklärt werden, ob Verletzungen vorliegen. Bei starken Schmerzen, sichtbaren Verletzungen, Bewusstseinsstörungen, einer Kopfverletzung, neuen neurologischen Auffälligkeiten oder wenn der Betroffene nicht sicher bewegt werden kann, ist medizinische Hilfe erforderlich.
Besondere Aufmerksamkeit ist auch dann notwendig, wenn blutverdünnende Medikamente eingenommen werden und der Kopf beim Sturz betroffen war. Hier sollte medizinischer Rat eingeholt werden, selbst wenn zunächst äußerlich wenig zu erkennen ist.
Aber auch ein scheinbar glimpflicher Sturz verdient im Nachhinein eine Frage, die häufig vergessen wird: Warum ist er passiert?
War der Teppich schuld?
War Schwindel vorhanden?
Ist jemand hastig aufgestanden?
War es dunkel?
Wurde ein ungeeignetes Schuhwerk getragen?
Gab es Schmerzen oder Schwäche?
War ein Medikament neu hinzugekommen?
War der Mensch krank oder ungewöhnlich erschöpft?
Ein Sturz sollte möglichst nicht nur als Unfall betrachtet werden, nach dem man zur Tagesordnung übergeht. Er kann ein Hinweis darauf sein, dass sich etwas verändert hat.
Und genau diese Veränderung zu erkennen, kann den nächsten Sturz möglicherweise verhindern.
Wenn ein Mensch mit Demenz sturzgefährdet ist
Bei Demenz bekommt Sturzprophylaxe noch einmal eine andere Dimension. Ein Mensch kann Sicherheitsregeln nicht zuverlässig erinnern. Er vergisst möglicherweise, den Rollator mitzunehmen, obwohl er ihn wenige Minuten zuvor noch benutzt hat. Er steht nachts auf, weil er glaubt, zur Arbeit gehen zu müssen, sucht ein früheres Schlafzimmer oder läuft unruhig durch das Haus.
In solchen Situationen helfen Ermahnungen nur begrenzt. Man kann einem Menschen nicht zuverlässig etwas „beibringen“, wenn die Erkrankung verhindert, dass die Information gespeichert und später abgerufen wird.
Dann muss sich die Umgebung stärker an den Menschen anpassen.
Der Rollator sollte dort stehen, wo er tatsächlich gebraucht wird. Laufwege müssen möglichst eindeutig und frei sein. Beleuchtung und Orientierung sollten zum jeweiligen Menschen passen. Und eine Betreuungskraft muss seine Gewohnheiten kennen.
Wer weiß, dass ein Senior jeden Abend gegen 22 Uhr unruhig wird, kann sich darauf einstellen. Wer weiß, dass er nachts immer in eine bestimmte Richtung läuft, kann gerade diesen Weg sicher gestalten.
Darin zeigt sich für mich ein wichtiger Unterschied zwischen Beaufsichtigung und Betreuung.
Beaufsichtigung versucht, einen Menschen ständig daran zu hindern, etwas Gefährliches zu tun.
Gute Betreuung versucht zusätzlich zu verstehen, warum er es tut, und gestaltet den Alltag so, dass weniger gefährliche Situationen entstehen.
Sturzprophylaxe ist keine Liste, sondern tägliche Aufmerksamkeit
Natürlich kann man eine Checkliste erstellen: Teppiche prüfen, Licht verbessern, Schuhe kontrollieren, Haltegriffe montieren, Rollator einstellen, Medikamente überprüfen lassen und Bewegung fördern. All das ist sinnvoll.
Aber die wichtigste Sturzprophylaxe lässt sich nicht an die Wand hängen.
Sie besteht darin, Veränderungen wahrzunehmen.
Wenn ein Senior heute anders geht als vor zwei Wochen, interessiert mich das.
Wenn er plötzlich nur noch mit beiden Händen aus dem Sessel kommt, interessiert mich das.
Wenn nachts zum dritten Mal Schwindel auftritt, interessiert mich das.
Wenn ein zuvor gern benutzter Rollator plötzlich stehen bleibt, frage ich mich warum.
Wenn jemand nach einem Sturz keine Spaziergänge mehr möchte, interessiert mich nicht nur sein Gangbild, sondern auch seine Angst.
Genau darin liegt für mich die menschliche Seite der Sturzprophylaxe. Wir betrachten nicht nur den Boden, auf dem jemand läuft. Wir betrachten den ganzen Menschen, der darauf läuft.
Nach 25 Jahren in der häuslichen Seniorenbetreuung weiß ich, dass man nicht jeden Sturz verhindern kann. Wer etwas anderes verspricht, wäre nicht ehrlich. Aber man kann sehr viel dafür tun, Risiken rechtzeitig zu erkennen, vermeidbare Gefahren zu beseitigen, Kraft und Bewegung zu erhalten und einem Menschen nach einer Unsicherheit wieder Vertrauen zu geben.
Dabei sollte die zentrale Frage nicht lauten: Wie verhindern wir, dass dieser Mensch jemals wieder fällt?
Die sinnvollere Frage lautet für mich: Wie ermöglichen wir ihm, sich trotz seines Alters und seiner Einschränkungen weiterhin möglichst sicher zu bewegen und sein eigenes Leben zu führen?
Denn ein Zuhause wird nicht dadurch sicher, dass ein älterer Mensch darin möglichst wenig tut. Es wird dann sicherer, wenn seine Umgebung zu seinen Fähigkeiten passt, Veränderungen ernst genommen werden, Hilfsmittel sinnvoll eingesetzt werden und jemand hinschaut, ohne ihm jede Freiheit abzunehmen.
Das ist für mich wirkliche Sturzprophylaxe: nicht die Illusion völliger Sicherheit, sondern ein kluger, aufmerksamer und respektvoller Umgang mit einem Risiko, das zum Älterwerden gehören kann, ohne das Leben bestimmen zu müssen.
Ihre Elke Hanak
Elkine-Seniorenbetreuung – Ihr vertrauensvoller Partner für die häusliche 24 Stunden Seniorenbetreuung
Hinweis: Neu auftretende Gangunsicherheit, wiederholte Stürze, Schwindel, Bewusstseinsstörungen, deutlicher Kraftverlust oder andere körperliche Veränderungen sollten ärztlich abgeklärt werden. Nach einem Sturz können insbesondere Kopfverletzungen oder Beschwerden bei Einnahme blutverdünnender Medikamente eine zeitnahe medizinische Beurteilung erforderlich machen. Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder medizinische Abklärung.