Wenn Essen zum täglichen Konflikt wird
Warum Nahrungsverweigerung bei Demenz so viele Ursachen haben kann und weshalb Angehörige manchmal zuerst den Druck vom Tisch nehmen müssen
Es gibt Situationen im Pflegealltag, die von außen beinahe unscheinbar wirken und Angehörige trotzdem jeden Tag ein wenig mehr erschöpfen. Essen gehört sehr häufig dazu. Der Tisch ist gedeckt, das Mittagessen steht bereit, vielleicht wurde sogar genau das gekocht, was der Vater früher besonders gern mochte, und trotzdem schiebt er den Teller weg. Die Mutter behauptet, sie habe gerade gegessen, obwohl seit dem Frühstück viele Stunden vergangen sind. Ein paar Löffel werden genommen, dann ist Schluss, oder ein Gericht, das über Jahrzehnte zu den Lieblingsessen gehörte, wird plötzlich mit dem Satz abgelehnt, es schmecke überhaupt nicht. Wer sich jeden Tag darum sorgt, ob ein Mensch genug isst und trinkt, kann irgendwann kaum noch gelassen auf ein solches „Nein“ reagieren. Aus einer Mahlzeit wird dann sehr schnell eine Auseinandersetzung, obwohl auf beiden Seiten eigentlich niemand streiten möchte.
Nach 25 Jahren in der häuslichen Seniorenbetreuung weiß ich, wie viel Gefühl gerade in diesem Thema steckt. Essen ist in Familien selten nur Nahrungsaufnahme. Wer kocht, sorgt für jemanden. Eine Ehefrau hat vielleicht fünfzig Jahre lang darauf geachtet, dass ihr Mann gut isst. Eine Tochter kennt noch die Gerichte, die ihre Mutter früher für die ganze Familie gekocht hat, und steht nun selbst am Herd, um ihr etwas Gutes zu tun. Wenn diese Fürsorge mit einem „Das will ich nicht“ beantwortet wird, kann das viel persönlicher treffen, als es der Erkrankte beabsichtigt. Gerade deshalb möchte ich Angehörigen als Erstes sagen, dass eine Ablehnung des Essens bei Demenz sehr häufig keine Ablehnung ihrer Fürsorge ist. Bevor wir über Tricks, Portionsgrößen oder Essenszeiten sprechen, müssen wir versuchen zu verstehen, was hinter diesem Verhalten stehen könnte.
Demenz verändert nämlich weit mehr als das Erinnerungsvermögen. Sie kann beeinflussen, ob Hunger zuverlässig wahrgenommen wird, ob ein Mensch erkennt, was auf dem Teller liegt, wie Geschmack und Geruch erlebt werden und ob die einzelnen Schritte einer Mahlzeit noch selbstverständlich gelingen. Ein Mensch sieht vielleicht einen Teller vor sich und weiß trotzdem nicht mehr ohne Weiteres, was er damit anfangen soll. Ein anderer beginnt zu essen, verliert aber nach wenigen Bissen den Faden. Wieder jemand nimmt das Besteck in die Hand und kann die Bewegung nicht mehr richtig planen, obwohl er sein Leben lang selbstständig gegessen hat. Was Angehörigen wie Desinteresse oder Verweigerung vorkommt, kann deshalb Ausdruck einer Fähigkeit sein, die nicht mehr zuverlässig zur Verfügung steht.
Auch die Wahrnehmung des Essens kann sich verändern. Ein vertrautes Gericht kann anders schmecken als früher, Gerüche können intensiver oder weniger deutlich wahrgenommen werden und Konsistenzen, die früher problemlos waren, können unangenehm erscheinen. Manche Menschen entwickeln eine deutliche Vorliebe für süße Speisen, andere lehnen Fleisch ab oder kauen sehr lange. Solche Veränderungen sollte man nicht sofort als Marotte bewerten. Es lohnt sich vielmehr zu beobachten, was weiterhin gut angenommen wird und ob hinter einer neuen Ablehnung möglicherweise etwas Körperliches steckt.
Gerade Mund und Zähne werden dabei häufig übersehen. Eine schlecht sitzende Prothese, Druckstellen, entzündetes Zahnfleisch, trockener Mund, ein schmerzender Zahn oder eine Veränderung der Mundschleimhaut können dazu führen, dass ein Mensch immer weniger isst. Wenn er Beschwerden nicht mehr klar benennen kann, äußert sich das vielleicht nur dadurch, dass härtere Speisen liegen bleiben, auf einer Seite gekaut wird oder das Essen plötzlich verweigert wird. Auch trockener Mund kann erheblich stören, weil Kauen und Schlucken dadurch mühsamer werden. Deshalb gehört für mich bei anhaltenden Veränderungen des Essverhaltens immer auch ein Blick auf Mundgesundheit, Prothese und mögliche Schmerzen dazu.
Wenn Essen plötzlich anstrengend oder sogar beängstigend wird
Ein weiterer wichtiger Punkt sind Schluckstörungen. Sie können im Alter aus unterschiedlichen Gründen auftreten und auch bei fortschreitenden neurologischen Erkrankungen einschließlich Demenz eine Rolle spielen. Ein Mensch, der sich bereits einmal heftig verschluckt hat, kann danach Angst vor dem nächsten Bissen entwickeln. Er sagt vielleicht nicht: „Ich habe Angst, mich wieder zu verschlucken“, sondern beginnt sehr langsam zu essen, hält Nahrung im Mund, lehnt bestimmte Speisen ab oder möchte gar nicht mehr anfangen.
Angehörige interpretieren das leicht als Appetitlosigkeit, obwohl in Wirklichkeit Unsicherheit beim Schlucken dahintersteckt. Hinweise können häufiges Husten oder Räuspern während oder nach dem Essen sein, eine auffällig veränderte Stimme nach dem Schlucken, sehr lange Essenszeiten, Nahrung, die im Mund verbleibt, oder wiederkehrende Atemwegsinfekte. Allerdings können Schluckprobleme auch weniger deutlich verlaufen. Deshalb sollte bei entsprechenden Beobachtungen ärztlich und gegebenenfalls logopädisch abgeklärt werden, wie sicher Essen und Trinken noch möglich sind.
Gerade hier rate ich Familien von eigenen Experimenten ab. Getränke einfach nach Gefühl anzudicken oder Lebensmittel stark zu verändern, ohne zu wissen, welche Konsistenz tatsächlich geeignet ist, kann mehr Probleme schaffen als lösen. Wenn eine Schluckstörung vermutet oder festgestellt wurde, sollten Konsistenz, Essensform und gegebenenfalls der Einsatz von Andickungsmitteln individuell empfohlen werden. Auch Medikamente dürfen nicht ohne Rücksprache zerdrückt oder in Speisen gemischt werden, denn nicht jede Tablette darf geteilt oder zerkleinert werden.
Für Angehörige ist dieser Punkt wichtig, weil hinter einem vermeintlichen „Er will einfach nicht essen“ manchmal eine sehr nachvollziehbare körperliche Erfahrung steckt. Wer glaubt, sich verschlucken zu können, verhält sich nicht trotzig, sondern schützt sich.
Warum der gedeckte Tisch manchmal schon zu viel sein kann
Wir verbinden einen schön gedeckten Tisch mit etwas Positivem. Für einen Menschen mit Demenz kann dieselbe Situation jedoch sehr viele Informationen gleichzeitig enthalten. Teller, Besteck, verschiedene Schüsseln, Getränke, Gespräche, der Fernseher im Hintergrund und mehrere Menschen, die etwas von ihm möchten, müssen gleichzeitig verarbeitet werden. Je weiter die Erkrankung fortgeschritten ist, desto anstrengender kann das werden.
Manchmal hilft deshalb nicht mehr Motivation, sondern weniger Reiz. Ein ruhiger Platz, ein übersichtlicher Teller und eine Mahlzeit, bei der nicht ständig gesprochen, gefragt oder korrigiert wird, können deutlich angenehmer sein. Dabei geht es nicht darum, einen Menschen isoliert essen zu lassen. Gemeinsames Essen kann sehr schön und orientierend sein. Entscheidend ist die Atmosphäre. Zwei Menschen, die ruhig miteinander essen, sind etwas anderes als ein Tisch, an dem mehrere Gespräche gleichzeitig laufen und der Erkrankte fortwährend aufgefordert wird, noch einen Bissen zu nehmen.
Auch große Portionen können abschrecken. Wer wenig Appetit hat oder nicht mehr gut einschätzen kann, wie viel von ihm erwartet wird, sieht vielleicht einen vollen Teller und gibt innerlich schon auf, bevor er begonnen hat. Kleine Portionen wirken überschaubarer und können bei Bedarf nachgereicht werden. Ich habe oft erlebt, dass Angehörige aus Sorge besonders große Mengen auftun, weil der Senior ohnehin zu wenig isst. Gut gemeint ist das verständlich, aber der volle Teller kann genau den gegenteiligen Effekt haben.
Ähnlich verhält es sich mit der Vorstellung, eine Mahlzeit müsse auf eine bestimmte Weise gegessen werden. Wenn Messer und Gabel zunehmend schwierig werden, muss nicht um jeden Preis auf korrekte Tischformen bestanden werden. Manche Speisen lassen sich so zubereiten, dass sie gut mit den Fingern aufgenommen werden können. Ein Stück weiches Brot, mundgerechte Gemüse- oder Kartoffelstücke oder andere geeignete Lebensmittel können einem Menschen ein Stück Selbstständigkeit erhalten, wenn der Umgang mit Besteck nicht mehr zuverlässig gelingt. Für mich ist Würde nicht daran gebunden, dass ein Mensch ein Messer korrekt hält. Würde bedeutet, ihm eine Form des Essens zu ermöglichen, die zu seinen Fähigkeiten passt und bei der er möglichst wenig beschämt wird.
Wenn Fürsorge unbemerkt zu Druck wird
Gerade beim Essen geraten Angehörige schnell unter inneren Druck, weil sie wissen, dass ausreichende Ernährung wichtig ist. Das ist keine übertriebene Sorge. Ungewollter Gewichtsverlust, Mangelernährung und zu geringe Flüssigkeitsaufnahme können ältere Menschen erheblich schwächen. Das bedeutet aber nicht, dass jede einzelne Mahlzeit zu einer Prüfung werden sollte.
Der Satz „Du musst etwas essen“ entsteht meistens aus Angst. Der Angehörige sieht den halb vollen Teller und denkt bereits daran, dass der Mensch immer dünner wird. Er nimmt den nächsten Löffel, hält ihn hin und bittet noch einmal. Wenn wieder abgelehnt wird, kommt vielleicht die nächste Aufforderung. Irgendwann ist der Ton angespannter, obwohl niemand das wollte. Der Erkrankte spürt diese Anspannung möglicherweise sehr deutlich und zieht sich noch stärker zurück.
So kann ein Kreislauf entstehen: Je mehr der Angehörige sich sorgt, desto mehr drängt er, und je stärker der Druck wird, desto größer wird die Abwehr. Am Ende sitzen zwei erschöpfte Menschen am Tisch und beide erleben das Essen als unangenehm.
Ich würde Angehörigen deshalb raten, ihre Sorge ernst zu nehmen, sie aber nicht vollständig während der Mahlzeit auszutragen. Wenn ein Mensch über längere Zeit deutlich weniger isst, Gewicht verliert oder zu wenig trinkt, gehört das medizinisch abgeklärt. Am Tisch selbst braucht es dagegen möglichst wenig Spannung. Man kann anbieten, ermutigen und unterstützen, aber aus einem Bissen sollte keine Machtfrage werden.
Dabei heißt Gelassenheit nicht Gleichgültigkeit. Es geht nicht darum, einen Teller wegzustellen und sich nicht mehr zu kümmern. Es geht darum, zwischen dem gesundheitlichen Problem und der einzelnen Mahlzeit zu unterscheiden. Ein schlechter Mittag ist noch keine Katastrophe. Wenn sich aber über Tage und Wochen ein Muster zeigt, muss genauer hingesehen werden.
Ein einfaches Ess- und Trinkprotokoll kann dann sehr hilfreich sein. Nicht jedes Gramm muss dokumentiert werden. Häufig reicht es, einige Tage aufzuschreiben, was ungefähr gegessen und getrunken wurde, zu welchen Zeiten es besonders gut oder schlecht funktioniert hat und ob bestimmte Speisen auffällig gern oder ungern genommen wurden. Auch Gewichtsentwicklung, Verdauung, Schmerzen, Stimmung und Veränderungen von Medikamenten können wichtige Hinweise geben. Mit solchen Beobachtungen kann ein Arzt sehr viel mehr anfangen als mit der allgemeinen Aussage, der Angehörige esse „irgendwie schlechter“.
Wenn „kein Hunger“ etwas ganz anderes bedeutet
Nicht jeder Mensch, der sagt, er habe keinen Hunger, meint damit dasselbe. Vielleicht fehlt tatsächlich Appetit. Vielleicht wurde vergessen, dass seit Stunden nichts gegessen wurde. Vielleicht fühlt sich der Bauch unangenehm an. Verstopfung kann gerade bei älteren Menschen erheblichen Einfluss auf Appetit und Wohlbefinden haben. Auch Übelkeit, Infekte, Schmerzen, depressive Symptome oder Medikamentennebenwirkungen können das Essverhalten verändern.
Deshalb würde ich bei einer deutlichen Veränderung immer fragen, was sich zeitgleich verändert hat. Wurde ein neues Medikament begonnen oder die Dosis angepasst? Ist der Mensch schläfriger als sonst? Gibt es Probleme mit dem Stuhlgang? Trinkt er deutlich weniger? Wirkt er ungewöhnlich still oder niedergeschlagen? Hat sich das Gewicht verändert? Solche Zusammenhänge sind wichtig und sollten ärztlich besprochen werden.
Auch Bewegungsmangel kann den Appetit beeinflussen. Ein Mensch, der fast den ganzen Tag sitzt, hat möglicherweise weniger Hunger als jemand, der sich regelmäßig bewegt. Ein kleiner Spaziergang oder angemessene Aktivität kann bei manchen Senioren positiv wirken, sofern die gesundheitliche Situation das zulässt. Dabei sollte daraus kein Pflichtprogramm werden. Die Idee ist nicht, jemanden „hungrig zu machen“, sondern einen natürlichen Tagesrhythmus zu unterstützen.
Dasselbe gilt für Zwischenmahlzeiten. Manche Menschen essen bei drei großen Mahlzeiten nur sehr wenig, nehmen aber über den Tag verteilt kleinere Portionen gut an. Dann kann es sinnvoller sein, das Ernährungsmuster anzupassen, statt immer wieder an der klassischen Frühstück-Mittag-Abend-Struktur festzuhalten. Gerade bei Gewichtsverlust sollte allerdings ärztlich beziehungsweise ernährungsfachlich geklärt werden, welche Versorgung individuell sinnvoll ist.
Gewohnheiten können helfen, dürfen aber nicht zu starren Regeln werden
Menschen mit Demenz profitieren häufig von wiederkehrenden Abläufen. Ein vertrauter Sitzplatz, ähnliche Essenszeiten und bekannte Rituale können Orientierung geben. Wer sein Leben lang mittags warm gegessen hat, erkennt diesen Ablauf möglicherweise länger als viele andere Dinge. Auch bekannte Gerüche oder Gerichte können Vertrautheit schaffen.
Trotzdem sollte man sich nicht daran festbeißen, dass etwas funktionieren muss, nur weil es früher immer so war. Geschmack und Vorlieben können sich verändern. Wenn die Mutter plötzlich lieber etwas Süßes isst, obwohl sie früher kaum Süßes mochte, hilft es wenig, ihr täglich zu erklären, dass sie das nie gern gegessen habe. Wir begleiten den Menschen, der heute vor uns sitzt, und nicht ausschließlich den Menschen, der er vor zehn Jahren war.
Gerade bei Menschen mit Diabetes oder anderen Erkrankungen müssen veränderte Vorlieben natürlich medizinisch mitgedacht werden. Es wäre falsch, jede ernährungsmedizinische Empfehlung einfach zugunsten des Appetits zu ignorieren. Gleichzeitig sollten gerade bei sehr alten, gebrechlichen oder schwer erkrankten Menschen individuelle Ziele mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Was bei einem jüngeren Menschen als strenge Ernährungsvorgabe sinnvoll war, kann in einer anderen Lebenssituation anders gewichtet werden. Solche Entscheidungen gehören aber nicht allein an den Küchentisch, sondern in eine individuelle medizinische Betrachtung.
Auch biografische Gewohnheiten können helfen. Manche Senioren haben morgens nie viel gegessen, andere bevorzugten jahrzehntelang ein warmes Abendessen. Manche mochten bestimmte Konsistenzen nicht schon lange vor der Demenz. Angehörige sollten deshalb nicht jede Abneigung automatisch als Krankheitszeichen interpretieren. Wer seine Mutter kennt, darf dieses Wissen nutzen. Gerade in der häuslichen Betreuung ist es ein großer Vorteil, dass Essen nicht nach einem starren institutionellen Plan stattfinden muss, sondern an Gewohnheiten angepasst werden kann.
Manchmal ist das gemeinsame Essen wichtiger als die perfekte Mahlzeit
Ich glaube, dass wir beim Thema Ernährung manchmal so sehr auf Mengen, Kalorien und Nährstoffe schauen, dass wir vergessen, was Essen emotional bedeuten kann. Natürlich müssen gesundheitliche Risiken ernst genommen werden. Aber eine Mahlzeit ist auch ein sozialer Moment. Sie kann Sicherheit, Erinnerung und Zugehörigkeit geben.
Wenn der Angehörige während des gesamten Essens kontrolliert, wie viele Löffel genommen wurden, spürt der Erkrankte irgendwann vielleicht nur noch Beobachtung. Es kann wohltuender sein, sich selbst dazuzusetzen und mitzuessen, statt ausschließlich gegenüberzusitzen und zum nächsten Bissen aufzufordern. Menschen orientieren sich häufig an dem, was andere tun. Eine ruhige gemeinsame Mahlzeit kann natürlicher wirken als eine Situation, in der einer isst und der andere dabei überwacht wird.
Auch Gespräche sollten zum Menschen passen. Manchmal ist ein ruhiges Gespräch angenehm, manchmal lenkt zu viel Unterhaltung vom Essen ab. Hier gibt es keine allgemeine Regel. Ich würde immer beobachten, wie der einzelne Mensch reagiert. Isst er besser in Gesellschaft oder lieber etwas ruhiger? Wird er durch den Fernseher abgelenkt? Braucht er Unterstützung, um nach einer Gesprächspause wieder mit dem Essen zu beginnen? Solche Kleinigkeiten können entscheidender sein als jede allgemeine Empfehlung.
Es lohnt sich außerdem, ausreichend Zeit einzuplanen. Wenn ein Mensch langsamer isst, sollte nicht ständig vermittelt werden, dass er sich beeilen müsse. Gleichzeitig kann eine Mahlzeit, die sich über sehr lange Zeit hinzieht, sehr ermüdend werden. Gerade bei Schluckproblemen oder allgemeiner Schwäche kann Essen körperlich anstrengend sein. Dann sollten kleinere Mahlzeiten und Pausen individuell überlegt werden.
Angehörige tragen am Esstisch oft viel mehr als nur die Sorge um Nahrung
Ich möchte noch über etwas sprechen, das in Ratgebern häufig zu kurz kommt. Wenn ein Mensch nicht mehr essen möchte, löst das bei Angehörigen manchmal eine Angst aus, die weit über diese eine Mahlzeit hinausgeht. Essen steht für Leben. Wer einen geliebten Menschen schwächer werden sieht und gleichzeitig erlebt, dass immer weniger gegessen wird, hat möglicherweise das Gefühl, ihm beim Verschwinden zuzusehen.
Gerade bei fortgeschrittener Demenz oder schwerer Erkrankung kann dieses Thema sehr emotional werden. Angehörige möchten verständlicherweise alles tun, damit der Mensch Kraft behält. Jeder nicht gegessene Löffel fühlt sich dann beinahe wie eine Niederlage an. Aus dieser Angst heraus entsteht leicht Druck, obwohl eigentlich Liebe dahintersteht.
Ich finde es wichtig, diese Angst auszusprechen. Eine Tochter, die ihrer Mutter immer wieder Essen anbietet, möchte sie nicht kontrollieren. Sie hat vielleicht einfach Angst, dass sie weiter abnimmt. Ein Ehemann, der seine Frau zum Trinken drängt, tut das möglicherweise deshalb, weil sie bereits einmal wegen Flüssigkeitsmangel medizinisch behandelt werden musste. Wenn wir Angehörige nur auffordern, „mehr Gelassenheit“ zu zeigen, ohne diese Angst ernst zu nehmen, helfen wir ihnen nicht.
Gelassenheit kann erst entstehen, wenn eine Familie weiß, worauf sie achten muss und wann medizinische Hilfe erforderlich ist. Regelmäßiges Wiegen kann bei ungewolltem Gewichtsverlust sinnvoll sein, sofern der Arzt nichts anderes empfiehlt. Deutlich weniger Urin, ausgeprägte Müdigkeit, trockene Schleimhäute, Schwindel, plötzlich stärkere Verwirrtheit oder andere Veränderungen können Hinweise darauf sein, dass die Flüssigkeitsaufnahme nicht ausreichend ist oder eine andere Erkrankung vorliegt. Gerade ältere Menschen können auf Flüssigkeitsmangel empfindlich reagieren.
Wenn ein Mensch länger anhaltend deutlich weniger isst oder trinkt, sollte nicht nur versucht werden, immer neue Lieblingsspeisen anzubieten. Es sollte ärztlich geklärt werden, warum sich das Verhalten verändert hat. Manchmal steckt etwas Behandelbares dahinter, und genau deshalb ist es wichtig, Nahrungsverweigerung nicht vorschnell allein der Demenz zuzuschreiben.
Wenn das Lebensende näher kommt, verändert sich auch die Bedeutung von Essen
Ein besonders schwieriges Thema entsteht, wenn ein Mensch sehr schwer krank oder weit fortgeschritten gebrechlich ist. In bestimmten Phasen am Lebensende kann der Bedarf an Nahrung und Flüssigkeit deutlich zurückgehen. Für Angehörige ist das oft kaum auszuhalten, weil Essen jahrzehntelang Fürsorge bedeutet hat. Plötzlich soll man akzeptieren, dass ein geliebter Mensch nur noch wenig möchte.
Hier braucht jede Familie eine individuelle ärztliche und gegebenenfalls palliativmedizinische Begleitung. Es wäre falsch, allgemeine Regeln auf eine konkrete Situation zu übertragen. Aber es ist wichtig zu wissen, dass weniger Essen in einer fortgeschrittenen Sterbephase nicht automatisch bedeutet, dass ein Mensch „verhungert“, weil der Körper seine Bedürfnisse verändert. Gleichzeitig darf ein Rückgang der Nahrungsaufnahme nicht vorschnell als Sterbezeichen gedeutet werden, denn viele behandelbare Ursachen können denselben Eindruck erwecken. Genau deshalb gehört diese Einschätzung in erfahrene medizinische Hände.
Für Angehörige kann eine solche Begleitung auch emotional enorm wichtig sein. Sie brauchen jemanden, der ihnen erklärt, was im Körper geschieht und warum bestimmte Veränderungen auftreten. Sonst bleibt schnell das quälende Gefühl zurück, man müsse nur noch stärker zum Essen motivieren und würde etwas falsch machen, wenn das nicht gelingt.
Aus dem täglichen Kampf wieder eine Mahlzeit machen
Wenn Essen in einer Familie bereits jeden Tag zum Konflikt geworden ist, würde ich nicht versuchen, von heute auf morgen alles perfekt zu verändern. Ich würde zuerst beobachten, an welcher Stelle die Spannung beginnt. Beginnt sie schon beim Anblick des Tellers? Erst nach wenigen Bissen? Immer bei bestimmten Speisen? Entsteht Streit erst dann, wenn der Angehörige zum Weiteressen auffordert? Gibt es Tageszeiten, an denen es besser funktioniert?
Oft lassen sich daraus kleine Veränderungen ableiten. Vielleicht werden die Portionen kleiner. Vielleicht wird ein anderer Sitzplatz gewählt. Vielleicht isst jemand gemeinsam mit dem Erkrankten, statt ihn beim Essen zu beobachten. Vielleicht wird ein ungeliebtes Gericht nicht mehr aus Prinzip angeboten, nur weil es früher einmal das Lieblingsessen war. Vielleicht wird Besteck durch eine einfacher handhabbare Form des Essens ersetzt. Und manchmal besteht die wichtigste Veränderung darin, nach einem klaren Nein nicht sofort in die nächste Überredungsrunde einzusteigen, sondern später noch einmal etwas anzubieten.
Dabei darf der Angehörige auch auf sich selbst achten. Wer bereits mit Anspannung an den Tisch geht, weil er erwartet, dass die nächste Mahlzeit wieder schwierig wird, bringt diese Erfahrung verständlicherweise mit. Vielleicht kann eine andere Person einzelne Mahlzeiten übernehmen. Gerade in der häuslichen Betreuung erlebe ich, dass es manchmal eine enorme Entlastung ist, wenn nicht jede problematische Essenssituation zwischen denselben beiden Menschen stattfindet. Eine Betreuungskraft kann einen anderen Zugang haben, und der Angehörige muss nicht jedes Mittagessen mit der Sorge verbinden, ob heute wieder gestritten wird.
Das schützt auch Beziehung. Eine Tochter möchte nicht irgendwann nur noch diejenige sein, die ihre Mutter zum Essen drängt. Ein Ehemann möchte nicht jede gemeinsame Mahlzeit mit Mengen und Trinkgläsern verbinden. Wenn Verantwortung geteilt wird, können manche Situationen wieder ein wenig von ihrer früheren Normalität zurückbekommen.
Nach vielen Jahren mit Senioren und ihren Familien weiß ich, dass Essen gerade deshalb so konfliktgeladen werden kann, weil Angehörige sich so sehr kümmern. Hinter dem Drängen steckt meistens Sorge, hinter der Ungeduld oft Erschöpfung und hinter dem Wunsch, der Teller müsse leer werden, die Angst, einen geliebten Menschen körperlich schwächer werden zu sehen. Wenn wir das verstehen, müssen wir weder den Erkrankten noch den Angehörigen zum Schuldigen machen.
Vielleicht ist genau das der wichtigste Ausgangspunkt: nicht sofort zu fragen, wie wir einen Menschen dazu bekommen, mehr zu essen, sondern zunächst herauszufinden, warum Essen für ihn schwieriger geworden ist. Liegt es am Geschmack, an der Menge, an der Umgebung, an Schmerzen, an Mundproblemen, an der Verdauung, an Medikamenten, an einer Schluckstörung oder an der fortschreitenden Demenz? Erst wenn wir diese Frage ernst nehmen, können wir sinnvoll helfen.
Und gleichzeitig dürfen Angehörige lernen, dass nicht jede Mahlzeit gelingen muss. Ernährung ist wichtig, und anhaltende Veränderungen müssen ernst genommen werden. Aber ein einzelner halb voller Teller ist kein persönliches Versagen. Pflege wird nicht daran gemessen, ob jeder Bissen gegessen wird. Gute Begleitung zeigt sich vielmehr darin, aufmerksam zu beobachten, gesundheitliche Ursachen nicht zu übersehen und einen Menschen auch beim Essen so weit wie möglich in seiner Würde und Selbstbestimmung zu lassen.
Wenn es gelingt, den Druck aus dem gemeinsamen Essen zu nehmen, ohne die gesundheitliche Verantwortung aus den Augen zu verlieren, verändert sich häufig mehr als nur die Menge auf dem Teller. Der Tisch kann wieder ein Ort werden, an dem nicht ständig entschieden wird, wer sich durchsetzt. Angehörige können wieder gemeinsam mit dem Menschen essen, statt ihn nur beim Essen zu kontrollieren, und der Erkrankte erlebt eine Mahlzeit weniger als Prüfung. Genau diese Balance ist nicht immer leicht, aber sie ist für mich sehr viel menschlicher als jede Vorstellung davon, dass ein guter Pflegealltag daran zu erkennen sei, dass der Teller am Ende leer ist.
Ihre Elke Hanak
Elkine-Seniorenbetreuung – Ihr vertrauensvoller Partner für die häusliche 24 Stunden Seniorenbetreuung
Wichtiger medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und Orientierung und ersetzt keine ärztliche, ernährungsmedizinische, zahnärztliche oder logopädische Untersuchung und Beratung. Eine neu auftretende oder anhaltende deutliche Verringerung der Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme, ungewollter Gewichtsverlust, Schmerzen beim Essen, häufiges Verschlucken oder Husten, auffällige Veränderungen der Stimme nach dem Schlucken, ausgeprägte Müdigkeit, plötzlich verstärkte Verwirrtheit oder andere deutliche Veränderungen sollten ärztlich abgeklärt werden. Hinter verändertem Essverhalten können neben einer Demenz unter anderem Schmerzen, Mund- und Zahnprobleme, Infektionen, Verstopfung, depressive Symptome, Schluckstörungen, Flüssigkeitsmangel oder Medikamentennebenwirkungen stehen. Speisenkonsistenzen, Andickungsmittel und die Form der Medikamentengabe sollten bei Schluckproblemen nicht eigenständig verändert werden, sondern individuell mit den zuständigen Fachpersonen abgestimmt werden.