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Wenn Essen zum Konflikt wird
Ratgeber für pflegende Angehörige
Wenn die Kraft nachlässt
Wenn Essen zum Konflikt wird
Ratgeber für pflegende Angehörige
Wenn die Kraft nachlässtEs gibt einen Punkt im Leben vieler pflegender Angehöriger, den sie selbst oft viel früher spüren, als sie ihn aussprechen können. Nach außen funktioniert noch alles. Der Kühlschrank ist gefüllt, die Medikamente sind gerichtet, Arzttermine werden eingehalten, die Wäsche ist gemacht und der Alltag irgendwie organisiert. Vielleicht sagt sogar die Familie: „Du machst das doch wunderbar.“ Und trotzdem weiß derjenige, der jeden Tag trägt, irgendwann sehr genau, dass etwas nicht mehr stimmt. Er wacht morgens bereits müde auf, reagiert auf kleine Schwierigkeiten schneller gereizt und merkt, dass sich fast jeder Gedanke um den Menschen dreht, für den er verantwortlich ist. Selbst an guten Tagen bleibt im Hinterkopf die Frage, was als Nächstes passieren könnte. Genau dieser Zeitpunkt ist für viele so schwer, weil die Erschöpfung nicht nur körperlich erlebt wird. Sie berührt das eigene Selbstbild und häufig auch ein Versprechen, das irgendwann einmal gegeben wurde: Ich bin für dich da. Ich lasse dich nicht allein. Wir schaffen das zu Hause.
Nach 25 Jahren in der häuslichen Seniorenbetreuung weiß ich, wie ernst solche Versprechen gemeint sind. Besonders Ehepartner sagen mir oft, dass sie sich schließlich vor vielen Jahren versprochen hätten, füreinander da zu sein. Töchter erinnern sich daran, wie ihre Mutter früher für sie gesorgt hat, und empfinden es beinahe als selbstverständliche Verpflichtung, diese Fürsorge nun zurückzugeben. Söhne übernehmen immer mehr organisatorische Verantwortung und merken manchmal erst spät, dass sie neben Beruf und eigener Familie praktisch ein zweites Leben verwalten. Hinter all dem steht sehr häufig Liebe. Gerade deshalb fällt es so schwer, irgendwann zu sagen, dass die eigene Kraft nicht mehr ausreicht.
Dabei bedeutet dieser Satz etwas völlig anderes, als viele Angehörige befürchten. Er bedeutet nicht, dass die Liebe weniger geworden ist, und er bedeutet auch nicht, dass man den anderen abschieben oder sich aus der Verantwortung ziehen möchte. Oft bedeutet er schlicht, dass eine Situation entstanden ist, die inzwischen mehr Kraft verlangt, als ein einzelner Mensch dauerhaft zur Verfügung hat. Das ist ein wichtiger Unterschied, weil viele Familien viel zu lange versuchen, ein organisatorisches und pflegerisches Problem mit noch mehr persönlicher Anstrengung zu lösen.
Am Anfang gelingt das häufig sogar. Wenn der Partner vergesslicher wird, übernimmt man eben die Termine. Wenn er nicht mehr sicher kochen kann, macht man das Essen. Wenn die Mutter nachts unruhiger wird, steht man auf. Wenn der Vater bei der Körperpflege Hilfe braucht, findet man auch dafür irgendwie einen Weg. Jede einzelne Aufgabe erscheint zunächst überschaubar. Die eigentliche Belastung entsteht dadurch, dass nichts davon wieder verschwindet und immer neue Aufgaben hinzukommen. Was früher aus einzelnen Hilfen bestand, wird irgendwann zu einem Zustand permanenter Zuständigkeit. Genau diese dauerhafte Verantwortlichkeit ist es, die Angehörige häufig mehr erschöpft als eine bestimmte Pflegetätigkeit.
Wer einen Angehörigen über längere Zeit betreut, kennt oft dieses Gefühl, dass der eigene Kopf keinen Feierabend mehr hat. Selbst wenn der Erkrankte gerade schläft oder ein anderer Familienangehöriger für ein paar Stunden da ist, bleibt die innere Aufmerksamkeit bestehen. Hat er genug getrunken? Ist die Haustür geschlossen? Was mache ich, wenn sie heute Nacht wieder aufsteht? Wird er morgen beim Arzt mitgehen? Wie reagiere ich, wenn sie die Medikamente verweigert? Wer kümmert sich, wenn ich selbst krank werde? Diese Fragen laufen irgendwann so selbstverständlich im Hintergrund, dass viele Menschen gar nicht mehr merken, wie viel Energie sie kosten.
Gerade bei Demenz verstärkt sich diese Belastung, weil der Alltag immer weniger planbar wird. Eine Situation, die gestern noch problemlos funktioniert hat, kann heute zu Widerstand führen. Der vertraute Tagesablauf kann plötzlich nicht mehr verstanden werden, eine harmlose Veränderung große Unruhe auslösen und ausgerechnet in dem Moment, in dem der Angehörige selbst völlig erschöpft ist, beginnt eine schwierige Nacht. Wer lange in dieser Form lebt, beginnt häufig damit, immer mehr vorauszuplanen und immer genauer zu kontrollieren. Das ist verständlich, weil Kontrolle Sicherheit geben soll. Gleichzeitig führt sie dazu, dass der pflegende Angehörige innerlich kaum noch loslassen kann.
Ich habe in Familien immer wieder erlebt, dass Angehörige körperlich längst Unterstützung hatten und trotzdem kaum entlastet waren. Jemand anderes war für einige Stunden da, aber die Tochter blieb telefonisch erreichbar, kontrollierte zwischendurch, ob alles funktioniert, und nutzte die freie Zeit für Apothekengänge, Einkäufe oder Schriftverkehr. Der Ehemann zog sich zwar für eine Stunde zurück, hörte aber aus dem Nebenraum auf jedes Geräusch. Formal war Verantwortung abgegeben worden, innerlich jedoch nicht. Echte Entlastung beginnt erst dann, wenn ein Mensch das Gefühl entwickeln kann, dass nicht alles ausschließlich von ihm abhängt.
Genau dafür braucht es verlässliche Unterstützung. Nicht irgendeine Person, die gelegentlich auftaucht, sondern Menschen, denen eine Familie mit der Zeit tatsächlich vertrauen kann. Vertrauen entsteht in der Betreuung nicht durch schöne Versprechen, sondern dadurch, dass jemand wiederkommt, den Senior kennt, Veränderungen bemerkt und weiß, wie der Alltag in diesem Haushalt funktioniert. Gerade deshalb ist Kontinuität für mich so wichtig. Wenn immer wieder dieselben Kräfte in einen Haushalt zurückkehren, kennen sie nicht nur Abläufe und Gewohnheiten, sondern auch jene kleinen Veränderungen, die Außenstehenden vielleicht gar nicht auffallen würden.
Eine der schmerzhaftesten Veränderungen geschieht häufig nicht bei den einzelnen Aufgaben, sondern in der Beziehung selbst. Ein Ehemann, der seine Frau jahrzehntelang als gleichberechtigte Partnerin erlebt hat, wird irgendwann zum Organisator ihres Alltags. Er erinnert ans Trinken, hilft beim Anziehen, kontrolliert Medikamente und achtet darauf, dass sie sich nicht gefährdet. Eine Tochter kommt nicht mehr einfach zu Besuch, sondern schaut zuerst in den Kühlschrank, prüft die Post, fragt nach den Tabletten und kontrolliert, ob die Wäsche gewechselt wurde. Der Angehörige meint es gut, und vieles davon ist notwendig. Trotzdem verändert sich dadurch die Begegnung.
Das Problem ist nicht, dass Fürsorge Beziehungen grundsätzlich zerstört. Aber wenn fast jede Begegnung nur noch aus Fürsorgeaufgaben besteht, bleibt irgendwann wenig Raum für das, was die Beziehung früher einmal ausgemacht hat. Ein Ehepartner möchte nicht ausschließlich derjenige sein, der beim Toilettengang hilft und über die nächste Tablette nachdenkt. Eine Tochter möchte ihre Mutter nicht nur als Pflegeaufgabe erleben. Und auch der erkrankte Mensch möchte nicht den ganzen Tag ausschließlich daran erinnert werden, was er nicht mehr allein kann.
Gerade hier kann Unterstützung zu Hause etwas bewirken, das weit über praktische Entlastung hinausgeht. Sie kann Aufgaben übernehmen und dadurch Rollen entflechten. Wenn eine Betreuungskraft beim Waschen, Anziehen, Essen oder im Alltag unterstützt, kann eine Tochter am Nachmittag vielleicht wieder einfach mit ihrer Mutter Kaffee trinken. Wenn jemand nachts mit im Haushalt lebt und auf Unruhe reagieren kann, muss der Ehepartner nicht jede Nacht allein in Alarmbereitschaft verbringen. Wenn jemand verlässlich da ist, kann ein Sohn seinen Vater besuchen, ohne während des gesamten Besuchs gleichzeitig sämtliche organisatorischen Probleme lösen zu müssen.
Ich halte diesen Unterschied für sehr wichtig, weil Angehörige häufig Sorge haben, Unterstützung bedeute, etwas von ihrer Beziehung abzugeben. In Wirklichkeit kann genau das Gegenteil geschehen. Man gibt nicht den Menschen ab, sondern einen Teil der Aufgaben, die sich inzwischen zwischen die Menschen geschoben haben.
Viele Familien warten sehr lange, bevor sie sich Unterstützung holen. Solange irgendwie noch alles funktioniert, wird weitergemacht. Der Angehörige schläft schlechter, aber es geht noch. Er sagt Treffen mit Freunden ab, aber momentan sei es eben schwierig. Eigene Arzttermine werden verschoben, weil die Mutter gerade wichtiger sei. Ein Wochenende wegzufahren erscheint irgendwann völlig ausgeschlossen. Trotzdem heißt es weiterhin, man brauche noch keine Hilfe, denn man schaffe es ja.
Genau dieses „Ich schaffe es noch“ ist für mich kein guter Maßstab. Menschen können erstaunlich lange funktionieren, obwohl sie längst überfordert sind. Die sinnvollere Frage lautet deshalb nicht, ob man den heutigen Tag noch irgendwie bewältigt, sondern ob die jetzige Form der Betreuung über Monate oder Jahre tragfähig ist.
Wenn eine Tochter seit Wochen kaum schläft, der Ehemann zunehmend gereizt wird oder der eigene Körper bereits mit Beschwerden reagiert, sollte Unterstützung nicht erst dann beginnen, wenn jemand vollständig zusammenbricht. Pflege ist kein Ausdauerwettbewerb, und es gibt keinen Preis dafür, besonders lange alles allein gemacht zu haben. Ich habe vielmehr erlebt, dass zu spätes Handeln Beziehungen stärker belasten kann, weil Erschöpfung fast zwangsläufig etwas mit Geduld und Nähe macht.
Ein Mensch, der seit Monaten nicht richtig geschlafen hat, reagiert anders auf die zehnte Wiederholung einer Frage als jemand, der ausgeruht ist. Wer permanent unter Zeitdruck steht, kann schwierige Situationen weniger gelassen begleiten. Das ist kein Charakterfehler. Unser Nervensystem besitzt Grenzen. Wenn diese Grenzen lange überschritten werden, werden Menschen dünnhäutiger, ungeduldiger und manchmal innerlich hart, obwohl sie das überhaupt nicht sein möchten.
Gerade deshalb sollte man nicht erst die eigene Reaktion beurteilen, sondern sich fragen, was ihr vorausgegangen ist. Wenn eine sonst liebevolle Tochter plötzlich scharf mit ihrer Mutter spricht, obwohl sie das gar nicht möchte, kann es zu einfach sein, nur über mehr Geduld zu reden. Vielleicht braucht diese Tochter schlicht regelmäßig mehrere Stunden, in denen sie wirklich nicht verantwortlich ist. Vielleicht braucht sie Unterstützung in der Nacht, weil sie seit Wochen keinen zusammenhängenden Schlaf bekommt. Vielleicht ist der Hilfebedarf der Mutter inzwischen so groß, dass die bisherige Organisation nicht mehr ausreicht.
Unterstützung sollte deshalb nicht als Reparaturmaßnahme nach einem Zusammenbruch verstanden werden, sondern als Möglichkeit, einen solchen Zusammenbruch möglichst zu verhindern.
Gerade Menschen mit einem starken Pflichtgefühl tun sich schwer damit, Verantwortung abzugeben. Sie kennen jeden Handgriff und jede Besonderheit des Angehörigen und haben häufig das Gefühl, niemand könne es so gut machen wie sie. In manchen Bereichen stimmt das sogar. Niemand kennt einen langjährigen Partner so wie der Mensch, der Jahrzehnte mit ihm gelebt hat. Niemand weiß so genau, welche Eigenheiten die Mutter hat wie die Tochter, die sie seit ihrer Kindheit kennt. Aber dieses Wissen bedeutet nicht, dass jede Aufgabe auch persönlich ausgeführt werden muss.
Eine gute Betreuung nutzt gerade dieses Wissen der Familie. Sie sollte nicht in einen Haushalt kommen und alles neu erfinden, sondern zuhören, beobachten und verstehen, wie ein Mensch lebt. Wann steht er gewöhnlich auf? Was isst er gern? Welche Dinge machen ihm Angst? Was beruhigt ihn? Welche Gewohnheiten sind ihm wichtig? Wie viel Selbstständigkeit besitzt er noch, und wo braucht er verlässlich Unterstützung? Angehörige haben über solche Dinge häufig ein enormes Erfahrungswissen, und gute Betreuung nimmt dieses Wissen ernst.
Verantwortung teilen bedeutet deshalb nicht, dass die Familie ihre Bedeutung verliert. Es bedeutet, dass nicht mehr jede Aufgabe, jede Nacht und jede schwierige Situation auf denselben Schultern liegt. Der Angehörige bleibt der Mensch, der seine Mutter, seinen Vater oder seinen Partner auf eine Weise kennt, die keine Betreuungskraft ersetzen kann. Aber er bekommt jemanden an die Seite, der einen Teil des Alltags mitträgt.
Aus meiner Erfahrung kann genau das eine Familie sehr verändern. Anfangs fällt das Loslassen häufig schwer. Angehörige erklären alles mehrfach, schauen nach, ob wirklich alles richtig gemacht wird, und bleiben gedanklich trotzdem in Bereitschaft. Das ist völlig nachvollziehbar. Vertrauen entsteht nicht am ersten Tag. Wenn die Betreuung jedoch verlässlich ist und dieselben Menschen wiederkehren, kann sich langsam das Gefühl entwickeln, dass man nicht mehr jede Minute selbst aufpassen muss.
Diese innere Entlastung ist manchmal wertvoller als die praktische Hilfe selbst.
Bei einem Menschen mit Demenz ist die Gefahr besonders groß, dass der Angehörige immer stärker in eine korrigierende und führende Rolle gerät. Es muss erinnert, erklärt, geschützt und manchmal auch begrenzt werden. Dabei kann sich unbemerkt eine Atmosphäre entwickeln, in der fast jedes Gespräch mit einer Aufgabe verbunden ist. „Hast du getrunken?“ „Du musst deine Tabletten nehmen.“ „Zieh bitte die Schuhe an.“ „Nein, wir waren schon beim Arzt.“ Natürlich sind viele dieser Hinweise notwendig. Aber wenn eine Beziehung fast nur noch aus solchen Sätzen besteht, verändert sich auch das Gefühl zwischen zwei Menschen.
Eine verlässliche Betreuung kann hier eine zweite Ebene in den Alltag bringen. Nicht jede Aufforderung muss vom Ehepartner kommen, nicht jede Auseinandersetzung muss zwischen Mutter und Tochter stattfinden. Manchmal akzeptiert ein Mensch Unterstützung von einer Betreuungskraft sogar leichter, weil zwischen beiden weniger alte Rollen und Erwartungen liegen. Gerade bei Körperpflege oder sehr persönlichen Tätigkeiten kann das für eine Familie eine große Erleichterung sein.
Das bedeutet keineswegs, dass eine Betreuungskraft keine Konflikte erlebt. Auch sie begegnet Ablehnung, Wiederholungen, Unruhe und schwierigen Tagen. Der Unterschied besteht darin, dass sie diese Belastungen nicht mit einer jahrzehntelangen gemeinsamen Beziehung verbindet. Wenn eine demenzkranke Mutter ihre Tochter beim Waschen beschimpft, trifft das die Tochter möglicherweise tief, weil Worte aus einer langen gemeinsamen Geschichte auf sie wirken. Eine erfahrene Betreuungskraft kann dieselbe Aussage leichter als Ausdruck der aktuellen Erkrankung oder Überforderung einordnen. Genau diese emotionale Distanz kann in manchen Situationen hilfreich sein.
Für Angehörige entsteht dadurch die Chance, nicht mehr jede schwierige Seite der Erkrankung allein abfangen zu müssen. Das schützt nicht vor Trauer und verändert die Demenz nicht, aber es kann verhindern, dass der gesamte Kontakt zwischen Angehörigem und Erkranktem durch Konflikte bestimmt wird.
Nicht jede Unterstützung passt zu jeder Familie. Manche Menschen benötigen zunächst nur stundenweise Hilfe, andere brauchen bereits eine sehr umfassende Begleitung. Bei einem alleinlebenden Senior mit fortgeschrittener Demenz sieht die Situation anders aus als bei einem Ehepaar, bei dem ein Partner noch vieles übernehmen kann, aber nachts zunehmend an seine Grenzen kommt. Deshalb halte ich wenig von pauschalen Aussagen, ab welchem Zeitpunkt welche Hilfe „richtig“ ist.
Wichtiger ist eine ehrliche Bestandsaufnahme. Was kann der Senior noch selbst? Wo entstehen echte Risiken? Welche Aufgaben trägt der Angehörige derzeit? Welche davon belasten ihn besonders? Gibt es vor allem Probleme in der Nacht, bei der Körperpflege, bei der Orientierung oder bei der ständigen Anwesenheit? Und welche Teile des gemeinsamen Lebens möchten Angehörige unbedingt selbst behalten?
Gerade dieser letzte Punkt ist wichtig. Unterstützung sollte nicht alles an sich ziehen. Eine Tochter, die weiterhin gern mit ihrer Mutter kocht, soll das selbstverständlich tun können. Ein Ehemann, der seiner Frau morgens gern das Frühstück macht, muss diese Aufgabe nicht abgeben, nur weil eine Betreuungskraft im Haushalt ist. Gute Unterstützung schiebt sich nicht zwischen Menschen, sondern ergänzt dort, wo Belastung entsteht.
Bei einer 24 Stunden Betreuung zu Hause lebt die Betreuungskraft während ihres Einsatzes mit im Haushalt. Damit eine solche Form der Unterstützung wirklich funktioniert, braucht es deshalb nicht nur praktische Absprachen, sondern gegenseitigen Respekt. Ein privater Haushalt hat seinen eigenen Rhythmus, seine Gewohnheiten und seine Grenzen. Die Kraft muss verstehen, dass sie in das Leben eines Menschen eintritt und nicht umgekehrt der Senior in ein fremdes Betreuungssystem. Gleichzeitig braucht auch die Betreuungskraft ausreichend Schlaf, Pausen und einen eigenen Rückzugsbereich, damit diese anspruchsvolle Aufgabe auf Dauer verantwortungsvoll geleistet werden kann.
Genau deshalb arbeiten wir bei Elkine mit gleichbleibenden Kräften, die sich im vereinbarten Rhythmus abwechseln. Kontinuität ist für mich nicht nur organisatorisch angenehm, sondern gerade bei Demenz ein wesentlicher Bestandteil guter Betreuung. Wenn der Senior die Menschen wiedererkennt, wenn Gewohnheiten bekannt sind und nicht bei jedem Wechsel alles neu erklärt werden muss, entsteht eine andere Form von Sicherheit. Auch Angehörige können leichter loslassen, wenn sie wissen, wer zurückkommt.
Ich glaube, viele Menschen verstehen erst dann, wie sehr die Pflege ihre Beziehung verändert hat, wenn ein Teil der Verantwortung tatsächlich übernommen wird. Plötzlich stellt eine Tochter fest, dass sie beim Besuch nicht mehr als Erstes in den Kühlschrank schauen muss. Ein Ehemann bemerkt, dass er am Nachmittag mit seiner Frau sitzen kann, ohne gleichzeitig das Abendessen organisieren und die nächste Pflegetätigkeit vorbereiten zu müssen. Ein Sohn kann mit seinem Vater spazieren gehen, ohne das Gefühl zu haben, diesen Besuch gleichzeitig für zehn andere Aufgaben nutzen zu müssen.
Das sind keine spektakulären Veränderungen, aber genau darin liegt ihr Wert. Beziehung besteht häufig aus kleinen Dingen. Ein gemeinsamer Kaffee, ein Blick aus dem Fenster, eine vertraute Musik oder eine ruhige Stunde miteinander haben wenig Platz, wenn der Kopf permanent mit Versorgung beschäftigt ist. Sobald jemand einen Teil dieser Versorgung trägt, kann wieder etwas entstehen, das im Pflegealltag unbemerkt verloren gegangen ist.
Gerade langjährige Ehepartner erleben Entlastung manchmal zunächst sogar mit einem schlechten Gewissen. Sie sitzen plötzlich allein im Café oder gehen spazieren und merken, dass sie sich gut fühlen. Dann kommt sofort der Gedanke, dass sie sich darüber eigentlich nicht freuen dürften, während der Partner zu Hause betreut wird. Auch darüber sollte man offen sprechen. Ein eigener schöner Nachmittag ist kein Verrat an einem erkrankten Menschen. Er kann vielmehr dazu beitragen, dass man später wieder mit mehr Kraft und innerer Ruhe zurückkommt.
Niemandem ist geholfen, wenn aus einem pflegebedürftigen Menschen am Ende zwei erschöpfte oder kranke Menschen werden.
Gerade deshalb würde ich Angehörigen nie raten, so lange durchzuhalten, bis wirklich gar nichts mehr geht. Ich würde viel früher fragen, wie der Alltag aussieht und was er mit ihnen macht. Schlafen Sie noch ausreichend? Können Sie das Haus verlassen, ohne ständig Angst zu haben? Gibt es Menschen, mit denen Sie über etwas anderes sprechen als Pflege? Haben Sie noch einen eigenen Alltag oder besteht inzwischen fast alles aus Verantwortung? Und vielleicht die wichtigste Frage: Können Sie Ihrem Angehörigen noch überwiegend so begegnen, wie Sie es eigentlich möchten, oder merken Sie, dass Erschöpfung immer häufiger zwischen Ihnen steht?
Diese Fragen sind keine Prüfung. Sie sollen niemandem beweisen, dass er es nicht mehr schafft. Sie können aber helfen, einen Wendepunkt zu erkennen, bevor eine Familie in eine Krise gerät.
In all den Jahren habe ich viele Familien kennengelernt, die sich lange gegen Unterstützung gewehrt haben und später sagten, sie hätten viel früher damit beginnen sollen. Nicht, weil danach alles einfach war, sondern weil sie erst im Rückblick verstanden haben, wie erschöpft sie vorher bereits gewesen waren. Wenn man mitten in einer belastenden Situation steckt, verschieben sich die eigenen Maßstäbe. Eine Nacht mit nur vier Stunden Schlaf wird irgendwann „ganz normal“, ein abgesagtes Treffen fällt kaum noch auf und der Gedanke, niemals allein weggehen zu können, wird als unveränderbare Realität akzeptiert.
Deshalb wünsche ich mir, dass Angehörige ihre Grenzen nicht erst dann anerkennen, wenn der Körper oder die Psyche sie dazu zwingt. Wer Hilfe organisiert, bevor er vollständig erschöpft ist, gibt nicht auf. Er versucht im Gegenteil, eine Betreuung so aufzustellen, dass sie langfristig tragbar bleibt.
Das gilt besonders dann, wenn der Wunsch besteht, einen Menschen dauerhaft zu Hause zu begleiten. Dieser Wunsch kann sehr schön sein, aber er braucht eine Struktur, die nicht darauf beruht, dass ein einzelner Angehöriger seine gesamte Kraft aufbraucht. Häusliche Betreuung bis zum Lebensende ist nur dann wirklich menschenwürdig, wenn auch diejenigen gesehen werden, die dieses Leben zu Hause mittragen.
Für mich gehören deshalb immer zwei Seiten in den Blick: der Senior, der Unterstützung braucht, und der Angehörige, der vielleicht schon sehr lange unterstützt. Gute Betreuung darf den einen nicht schützen, indem sie den anderen übersieht.
Wenn ich einer erschöpften Tochter oder einem müden Ehepartner gegenübersäße, würde ich ihnen deshalb nicht zuerst erzählen, welche Leistungen sie buchen könnten. Ich würde wissen wollen, was ihnen im Alltag am schwersten fällt und was sie am meisten vermissen. Vielleicht ist es Schlaf. Vielleicht die Möglichkeit, spontan das Haus zu verlassen. Vielleicht ein Gespräch mit Freunden, ohne ständig auf die Uhr zu schauen. Vielleicht vermissen sie ganz einfach das Gefühl, Ehefrau, Ehemann, Tochter oder Sohn zu sein und nicht in jeder Minute verantwortlich.
Erst wenn man das versteht, kann Unterstützung wirklich passen.
Manchmal braucht eine Familie nur an bestimmten Stellen Hilfe. In anderen Situationen ist eine umfassende Betreuung zu Hause notwendig. Entscheidend ist nicht, möglichst viel Unterstützung zu organisieren, sondern genau die Form zu finden, die den Alltag sicherer macht und den Angehörigen so entlastet, dass Beziehung wieder mehr Raum bekommt.
Genau darin sehe ich den eigentlichen Sinn guter häuslicher Betreuung. Sie soll einen Angehörigen nicht aus dem Leben des Seniors verdrängen. Sie soll dafür sorgen, dass er nicht unter der Last der täglichen Versorgung verschwindet.
Nach 25 Jahren in der häuslichen Seniorenbetreuung habe ich gelernt, dass Familien sehr lange stark sein können. Ich habe aber ebenso gelernt, dass Stärke nicht darin besteht, alles bis zur eigenen Erschöpfung allein zu tragen. Manchmal zeigt sie sich viel früher, in dem Moment, in dem jemand ehrlich sagen kann, dass die jetzige Situation nicht mehr gut ist und dass eine andere Lösung gebraucht wird.
Dieser Satz beendet keine Liebe und kein Versprechen. Er kann vielmehr dafür sorgen, dass beides erhalten bleibt. Wer Verantwortung teilt, gibt den Menschen nicht ab. Er schafft eine Möglichkeit, ihm weiterhin nahe zu sein, ohne an der ständigen Zuständigkeit selbst zu zerbrechen.
Und vielleicht ist das einer der wichtigsten Gedanken, die ich Angehörigen mitgeben möchte: Wenn Sie merken, dass Ihre Kraft nachlässt, müssen Sie nicht warten, bis nichts mehr von ihr übrig ist. Sie dürfen Unterstützung suchen, während Sie noch gestalten können. Sie dürfen Aufgaben abgeben, ohne Ihre Beziehung abzugeben, und Sie dürfen dafür sorgen, dass in einem Alltag voller Pflege nicht nur Versorgung funktioniert, sondern auch etwas von dem erhalten bleibt, weshalb Sie all das überhaupt so lange getragen haben – die Verbindung zu dem Menschen, den Sie lieben.
Ihre Elke Hanak
Elkine-Seniorenbetreuung – Ihr vertrauensvoller Partner für die häusliche 24 Stunden Seniorenbetreuung
Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und Orientierung und ersetzt keine ärztliche, psychologische oder psychotherapeutische Beratung oder Behandlung. Anhaltende Erschöpfung, deutliche Schlafstörungen, starke Ängste, länger dauernde Niedergeschlagenheit, körperliche Beschwerden, zunehmende Gereiztheit oder das Gefühl, den Pflegealltag nicht mehr bewältigen zu können, sollten bei pflegenden Angehörigen ernst genommen und ärztlich beziehungsweise fachlich abgeklärt werden. Auch plötzlich auftretende oder deutlich zunehmende Verhaltensveränderungen beim pflegebedürftigen Menschen sollten nicht vorschnell allein dem Alter oder einer Demenz zugeschrieben, sondern ärztlich abgeklärt werden.